Kaliss : Feuerwerk der Kleinkunst abgebrannt

Über 150 Minuten unterhielt die Kabarettistin Andrea Kulka ein von ihr begeistertes Publikum im „Haus des Waldes“ in Kaliß.
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Über 150 Minuten unterhielt die Kabarettistin Andrea Kulka ein von ihr begeistertes Publikum im „Haus des Waldes“ in Kaliß.

Tabus sind zum Brechen da, Handtaschen nur für Frauen - Kabarettistin Andrea Kulka begeisterte in Kaliss

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16. März 2014, 16:59 Uhr

Die Kabarettistin Andrea Kulka hielt vergangenen Freitagabend im „Haus des Waldes“ in Kaliß ihr Versprechen: Sie zog blank – feministisch anregend, sexuell pikant und oft verbal brutal. Mit ihrem aktuellen Programm „Ich mach mich frei“ holte die Cottbuserin vor ausverkauftem Haus auf kleiner Bühne mit eben solchen Szenen und Liedern zum Rundumschlag gegen Tabus, Vorurteile, unliebsame Tatsachen und allzu verständlichen Schwächen wie Missverständnissen zwischen den Geschlechtern aus. Ihr Publikum schüttete sich vor Lachen aus. Insbesondere dann, wenn die Künstlerin Dinge mit nicht stubenreinen Worten ansprach, deren Pointen sie durch Grimassen, überzogenen Gesten oder mit pikierenden Blicken unterstrich. Dazu gehörte ihre gespielte Erzählung vom betrunkenen Göttergatten, der seinem Blasendruck, nur geschützt durch den mannhaften Körper, trotzdem für alle Öffentlichkeit sichtbar, Luft verschaffte; einschließlich einem herzerfrischenden Rülpser. Die Kulka kippt nur allzu gern Tabus, weil diese Themen eben doch zum Alltagsleben dazugehören. Sie brannte ein Feuerwerk der Kleinkunst ab. Nie wurde es langatmig, eher das Publikum vom Lachen kurzatmig.

Die Entertainerin mit der geschulten Sopranstimme war auf Einladung der Kulturbühne des Forstamtes nach Kaliß gekommen. Mit ihrem Selbstverständnis, das Publikum mit in das Programm einzubeziehen, gelang ihr auch in Kaliß eine Punktlandung. Um sich der ultimativen Nähe der Zuhörer sicher zu sein, nutzte Andrea Kulka eine für das Amt Dömitz-Malliß bekannte Tatsache: Reginald „Ritschi“ Rink als Gastgeber des humorvollen Abends, ist nicht nur als Forstamtsleiter weit hin bekannt. Der Forstmann war einst gefragter Büttenredner und ist bis heute ein mit spritzigem Humor gewappneter Unterhalter geblieben. Bei dieser Mischung machten sich auch die letzten Skeptiker für den mehr als vergnüglichen Abend frei, treu dem Kulka-Programm. Immer dann, wenn eine Pointe einer Szene auf die Spitze katapultiert werden musste, schnellte die Kulka hervor: „Nicht war, Ritschi, das machst Du doch auch so!“ Und „Ritschi“ hatte immer eine Antwort parat.

Die schlanke Blonde im schwarzen Hosenanzug wirbelte durch die Themenwelt von Emanzipation, beste Freundin, Pseudo-Harmonie, Sex, Zellulite bis hin zur Präsentation der „83-jährigen Rentnermaus Gertrud“, die in einer Senioren-Wohngemeinschaft lebt. Die Alte in Kittelschürze glaubt nicht so recht an Gott, betet trotzdem. Allerdings spricht sie für mehr Rente jeden Abend ein selbstverfasstes Börsengebet. Und sie hat einen festen Freund. Ihr Lied über diese „Computer-Liebschaft mit Rolf-Dietrich im Cyberbett mit heißer Benutzeroberfläche“ verzückte das Publikum. Alle Zurückhaltung fiel ab, wer nicht lachte, fiel auf. Und den schnappte sich die Kulka mit zweideutigen humorigen Tiraden, ohne „ihr Opfer“ bloß zu stellen.

Eine andere Höchstleistung der Unterhaltung war die Offenbarung, was Frauen in ihrer Handtasche mit sich führen. Sie bestätigte in plakativer Art und Weise das Vorurteil, dass das Aufräumen dieses für Frauen überlebenswichtigen und niemals verzichtbaren Accessoires einem kompletten Umzug gleich kommt. Denn: „In der Handtasche steckt das pralle Leben der Besitzerin“.

Zwei begeisterte Kulka-Fans im Haus des Waldes stehen der Künstlerin schon lange besonders nahe, erlebten sie allerdings das erste Mal live auf der Bühne. Günter und Betti Kulka aus Groß Laasch hatten sich für Eintrittskarten schon lange im Voraus bemüht, um die Tochter des Vetters von Günter Kulka auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mitzuerleben. Und „ihre“ Andrea enttäuschte die mecklenburgischen Verwandtschaft nicht. Nach 150 Minuten Kabarett verließ Andrea Kulka die kleine Bühne im „Haus des Waldes“ und gab preis, dass die Aufführung ihres Programms auch für sie wie im Fluge vergangenen war.


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