Semmerin : Fernöstliche Kampfkunst im alten Gasthaus

Joshua (l.) und Jonathan beim Training mit Christoph Albinus, der Träger des 4. Dan ist.
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Joshua (l.) und Jonathan beim Training mit Christoph Albinus, der Träger des 4. Dan ist.

Saskia Leissner-Sager und Christoph Albinus aus dem kleinen Semmerin sind Lehrer für Shinson Hapkido /Mehrere Trainingsgruppen in der Region / Große Vorführung am Sonntag in Grabow

svz.de von
03. Dezember 2013, 07:00 Uhr

Was haben Berlin, Hamburg, Köln und Semmerin bei Grabow gemeinsam? Nicht mehr als den Staat, zu dem sie gehören, möchte man auf den ersten Blick meinen. Doch weit gefehlt. Diese Orte verbindet vor allem die fernöstliche Kampfkunst Shinson Hapkido, die in den Großstädten und in dem kleinen Dorf gelehrt wird. Christoph Albinus und Saskia Leissner-Sager sind die Lehrer des Semmeriner Dojangs, wie die Schule genannt wird. Vor knapp 20 Jahren hatte es die Hamburger nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen.

Mit einer Liste von Gebäuden, die die Treuhand-Anstalt anbot, hatte sich Saskia Leissner-Sager damals auf den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern gemacht. Sie wollte der Großstadt den Rücken kehren – „wegen der Familiengründung“, erzählt sie. „Diese Erkundungstour war sehr spannend und wir hatten unglaublich nette Begegnungen.“ Und weil keines der Treuhand-Objekte passte, gaben die Hamburger eine Annonce auf mit dem Hinweis, dass es ruhig ein alter Dorfgasthof sein könnte. „Wir suchten ein Grundstück, auf dem wir einen Bewegungsraum für unsere Kampfkunst einrichten konnten“, erzählt die gelernte Tischlerin. Die Tanzsäle sahen sie und und ihr Partner Christoph Albinus als ideale Voraussetzung dafür an. Und tatsächlich meldete sich ein Makler und bot das Gasthaus in Semmerin zum Kauf an. Nach ein paar Besuchen und vier Monaten des Hin- und Herüberlegens schlugen die Hamburger zu. Wohl wissend, dass eine Menge Arbeit auf sie warten würde. Dach, Fenster, Fassade, Elektrik, Wasserleitungen und Fußböden – eigentlich musste an dem Haus alles gemacht werden. Christoph Albinus und Saskia Leissner-Sager erledigten es gemeinsam mit Freunden und Bekannten in Eigenleistung. „Unter der Tapete im Gastraum fanden wir Zeitungen aus den 1930er-Jahren und darunter ein sattes Dunkelblau“, erzählt die Hausherrin. „Das muss in den 20er-Jahren eine gediegene Gaststätte gewesen sein.“ Das bestätigten auch die älteren Dorfbewohner in ihren Erzählungen. „Das war echt spannend.“ Überhaupt fühlten sich die Hamburger in der mecklenburgischen Provinz von Anfang an willkommen. „Von unserer damaligen Nachbarin haben wir gleich beim ersten Besuch Kaffee bekommen, und nach unserem Umzug war sie unsere Stütze“, so die 50-Jährige. Und als sich die Neuankömmlinge am 1. Mai 1994 mit Grillwurst und Bier bei ihren Nachbarn vorstellen wollten, kam das ganze Dorf. „Das war sehr beeindruckend. Aus jedem Haus war jemand da. Das kannten wir aus den Dörfern im Westen nicht“, sagt die dreifache Mutter.

Shinson Hapkido hielt in Semmerin aber erst später Einzug. Nach einem Besuch des koreanischen Großmeisters Sonsanim Ko Myong, des Begründers dieses Bewegungs- und Gesundheitstrainings. „Als er uns im Jahr 2000 besuchte, fragte er uns, was wir denn hier wollen, und sagte, dass wir lieber in der Stadt eine Schule aufbauen sollten“, erinnert sich Saskia Leissner-Sager, die seit 1998 Shinson-Hapkido-Lehrerin ist. „Das war für uns so etwas wie das Startsignal.“ Der Saal wurde zum Bewegungsraum hergerichtet, das erste Kindertraining gestartet. Inzwischen sind es sechs Gruppen mit knapp 100 Teilnehmern zwischen sechs Jahren und Rentenalter, darunter die Heilgymnastik für all jene, die es etwas langsamer angehen lassen wollen.

Shinson Hapkido ist eine Kampf- und Bewegungslehre, bei der es nicht um den Wettkampf mit anderen geht, sondern „um den Kampf mit sich selbst, darum, eigene Grenzen zu überwinden“, so Saskia Leissner-Sager. „Es geht um Ausgleich, um Harmonie zwischen Entspannung und Anspannung, darum, mit schädlichen Emotionen umzugehen.“ Gymnastische Übungen zur Erwärmung, Atemübungen und Meditation gehören zum Training genauso dazu wie Hand- und Fußtechniken, Selbstverteidigungstechniken oder Fallübungen. Erst in fortgeschrittenen Stufen kommt der Freikampf gegen einen Gegner hinzu. Der Weg von einer Stufe auf die nächste führt über eine Prüfung.

Mit den Techniken werde bei Shinson Hapkido auch Haltung mittrainiert – „Umgangsformen, gegenseitiges Helfen, Geduld, Respekt und Bescheidenheit“, so die Lehrerin. Und vor allem das Kindertraining wirke ausgleichend. „Zu übermütige Kinder werden etwas gebremst, die etwas Schüchternen herausgefordert.“ Und so sind die beiden Shinson-Hapkido-Lehrer auch zu Projekttagen in Schulklassen und Freizeithäusern zu Gast. Dank der 24 Gästebetten können in Semmerin auch Gruppen übernachten, trainieren und Natur erleben. Im Sommer gibt es ein Feriencamp für Kinder.

Was diese besondere Form der fernöstlichen Kampfkunst ausmacht, können Interessierte am Sonntag, dem 8. Dezember, in der Grabower Willi-Fründt-Halle erleben. Dann werden die Shinson-Hapkido-Trainierenden, die unter dem Dach des 2005 gegründeten gemeinnützigen Vereins „Gasthaus Semmerin – Verein für Begegnung und Bewegung e.V.“ vereint sind, ihre Kampf- und Bewegungskunst vorführen. Beginn 14.30 Uhr.

Und weil Gemeinschaft, wie sie bei Shinson Hapkido von besonderer Bedeutung ist, auch das Teilen einschließt, soll auch am Sonntag geteilt werden. Der Erlös der Veranstaltung in Grabow soll für die SVZ-Spendenaktion „Unsere Hilfe für die Tafeln“ gespendet werden. Passend zu einem Projekt, das die Semmeriner anschieben wollen. Gleich neben dem Gasthaus soll ein Kinderferienhaus entstehen, in dem insbesondere Kinder aus sozialen Brennpunkten einmal Urlaub machen und das Landleben kennenlernen können.

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