Neustadt-Glewe : „Es war kein Schneemann...“

Die Schüler hatten viele Fragen an die Zeitzeugen. Fotos: andreas münchow
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Die Schüler hatten viele Fragen an die Zeitzeugen. Fotos: andreas münchow

Zeitzeugen berichteten Schülern der Neustädter Regionalen Schule über ihr Martyrium im Außenlager des KZ Ravensbrück.

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04. Mai 2017, 07:00 Uhr

Es gibt kein Vergessen, auch nicht nach nunmehr über 72 Jahren: Josefa Baranska kommen die Tränen, als sie über das Schicksal einer Freundin spricht, die im Lager verhungerte, damals, als die Befreiung nicht mehr fern war. Gestern waren Josefa Baranska (86), ihre Schwester Hanna Gontarszyk (83) sowie Janina Iwanska (87) zu Besuch in der Regionalen Karl-Scharfenberg-Schule in Neustadt-Glewe. Nur wenige Kilometer entfernt am Flugplatz befand sich 1945 das Außenlager des Frauen-KZ Ravensbrück, wo die drei Polinnen am 2. Mai befreit worden waren. Sie waren damals in dem Alter, in dem die Schülerinnen und Schüler heute sind.

An dem Zeitzeugengespräch gestern Vormittag in der Schule nahmen Klassensprecher und ihre Stellvertreter teil, als Gäste Bürgermeisterin Doreen Radelow, Stadtvertreter Frank Restel und Museumsleiterin Britta Kley. Und die Schüler hatten viele Fragen. Edda wollte zum Beispiel wissen: „Hatten Sie damals Hoffnung, dass sie die Freiheit wieder jemals erlangen?“ „Wir haben gebetet, ohne Hoffnung wäre es nicht gegangen“, so Hanna Gontarszyk. Jenny fragte, wie es mit der Verpflegung aussah. „Es gab aufgewärmte Rübensuppe, für fünf Frauen oder Mädchen ein Brot, und wer Glück hatte, bekam eine der Kartoffeln, die von den Bewachern manchmal in die Menge geworfen wurden“, erinnerte sich Josefa Baranska. Und die Schwestern erinnerten sich an noch etwas: „Wir waren mit unserer Mutter im Lager in Neustadt-Glewe. Mutter hatte eine Freundin, die eines Tages von einem Bewacher abgeführt wurde, weil sie die Arbeitsnorm nicht schaffte. Später sahen wir draußen eine Gestalt, die wie ein Schneemann aussah. Doch es war kein Schneemann. Es war die abgeführte Frau, die bei eisiger Kälte von den Bewachern mit Wasser überschüttet worden war. Sie ist erfroren.“

Was ihr durch den Kopf ging, als sie 2002 erstmals wieder nach Neustadt-Glewe kam, war eine Frage an Janina Iwanska. „Ich war furchtbar aufgeregt. Nichts erinnerte mehr an das ehemalige Lagergelände, hier wuchs ein schöner frischer Wald“, sagte Janina Iwanska, die beim Besuch vor genau einem Jahr bereits sagte, dass sie in Neustadt-Glewe nun nicht mehr zu Fremden, sondern zu Bekannten komme.

Zu den Teilnehmern des Zeitzeugengesprächs gestern gehörte auch Tonny Meyer aus den Niederlanden, deren Schwiegervater als 18-Jähriger zum Arbeitseinsatz verschleppt wurde und in den Flugzeugwerken in Neustadt arbeitete, unmittelbar neben dem KZ-Außenlager. „Er musste mit dem Pferdewagen Brot holen und sah oft, wie tote Frauen mit Leichenwagen in den nahen Wald gebracht wurden“, so Tonny Meyer.

Schulleiterin Ute Ott: „Unser Anliegen ist es, durch solche Gespräche den Schülern die Möglichkeit zu geben, aus erster Hand zu erfahren, was damals geschehen ist.“

Schülerinnen und Schüler präsentierten dann ein Projekt, an dem sie derzeit im Wahlpflichtfach „Geschichtswerkstatt“ unter Leitung von Lehrer Andreas Schleeff arbeiten. Jeder Teilnehmer beschäftigt sich mit einem speziellen Thema, Tom zum Beispiel mit den Todesmärschen 1945 oder Angelina mit Einzelschicksalen von Häftlingen.

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