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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 02:22 Uhr

Dömitz : „Es hatte schon lange gekribbelt“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Diakon Christophorus Baumert und Christel Fuhrmann erinnern sich an den Friedensgottesdienst von Dömitz

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Keine Fotos, keine Notizen, keine Gebete. Heute bedauert es Christophorus Baumert ein wenig, dass er den Friedensgottesdienst in der Johanneskirche – damals die erste Massenaktion zur Wendezeit in Dömitz – so gar nicht dokumentiert hat. „Aber wenn man als Akteur mittendrin ist…“, sagt der Diakon der katholischen Kirchengemeinde fast ein bisschen entschuldigend. Doch eines ist im „Buch der Vermeldungen“ in der Kirche Maria Rosenkranzkönigin dann doch nachzulesen – der Termin: Freitag, 27. Oktober, 19 Uhr.

Diakon Christophorus Baumert, der vier Jahre zuvor nach Dömitz gekommen war, hatte das Friedensgebet gemeinsam mit dem Pastor der evangelischen Kirchengemeinde, Harold Kunas, initiiert und organisiert. „Die Menschen hier sollten die Möglichkeit bekommen, sich öffentlich zur Situation zu äußern, über ihre Empfindungen, Hoffnungen und Erwartungen zu sprechen“, blickt der 70-Jährige zurück. „Unter dem Schutz der Kirche wollten wir sie ermutigen, sich mit ihren Gefühlen in Solidarität zu versammeln.“

Und die Menschen aus Dömitz und Umgebung wollten zusammenkommen. Rund 800 Frauen und Männer drängten sich an jenem Abend in der Johanneskirche. Als sie aufgefordert wurden, über ihre Wünsche und Gefühle zu sprechen, traute sich zunächst niemand an das aufgestellte Mikrofon. Doch in Rentnerin Christel Fuhrmann, der früheren Kulturhausleiterin, kribbelte es schon. „In mir hatte es schon lange gekribbelt. Und dann bin ich aufgestanden und ans Mikro gegangen“, erinnert sich die heute 88-Jährige zurück. „Meine Knie waren weich, aber als ich fertig war, klatschten und trampelten die Menschen. Und dann war der Bann gebrochen.“

An den genauen Wortlaut ihres Beitrages kann sich Christel Fuhrmann zwar nicht mehr erinnern, aber sie weiß noch sehr gut, worum es ging. Ausgehend von der Liedzeile „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“ forderte sie, dass die berufliche Entwicklung eines Menschen nicht von seinem Parteibuch abhängen dürfe. „Ich habe nicht gesagt, dass die Partei Unrecht hat. Ich habe aber gesagt, dass auch andere Recht haben“, so die Dömitzerin. Sie selbst konnte als LDPD-Mitglied zwar in ihrer Berufstätigkeit als Kulturhausleiterin voll und ganz aufgehen, „aber mir wurde nicht nur einmal erklärt, dass so eine wichtige Funktion wie die kulturelle Betreuung der Bevölkerung im Grenzgebiet doch eigentlich ein SED-Genosse ausüben sollte“.

Nach Christel Fuhrmann trauten sich auch andere. „Der Abend war von drei Hauptgedanken geprägt: Einer deutlichen Kritik an den bestehenden Verhältnissen, dem Willen zur Veränderung und der festen Absicht, alle Aktionen friedlich und ohne Gewalt durchzuführen“, zitiert Christophorus Baumert aus den aufgezeichneten Erinnerungen eines anderen Teilnehmers und ergänzt: „Die Angst, dass einige zum Zaun gehen, war schon da.“ Und was wäre dann passiert? „Deshalb haben wir die Teilnehmer am Ende aufgerufen, eine Kerze auf den Kirchplatz zu stellen und dann friedlich nach Hause zu gehen.“

Dass sie nicht allein sind, hatten Baumert, Kunas und die Teilnehmer des Friedensgottesdienst längst bemerkt. „Als wir aus der Kirche kamen, standen Volkspolizisten und Stasi-Leute in mehreren Reihen vor dem Kaufhaus und machten sich eifrig Notizen“, erzählt Christel Fuhrmann, „oder sie taten zumindest so. Sie wollten die Leute verunsichern.“ Vielleicht unbewusst hätten die Menschen dann weiter den Schutz der Kirche gesucht. „Die Kerzen, die wir angezündet hatten, haben wir ganz dicht an die Kirchenmauern gestellt“, so die 88-Jährige.

Christophorus Baumert hat an diesem Abend noch lange mit seiner Frau zusammengesessen und das Geschehene nachempfunden. „Wir waren beglückt, dass so viele Menschen da waren und dass alles so friedlich abgelaufen ist“, sagt er heute.

Anschließend traf sich jeden Dienstag eine Gruppe von 30 bis 40 Dömitzern. „Wir hatten angeboten, im Gespräch zu bleiben“, so der Diakon. „Es war wichtig, dass wir die Menschen dann nicht allein gelassen haben.“ Aus dieser Gruppe heraus entstand später die Unabhängige Wählergemeinschaft.


 

 

 

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