wöbbelin : Erinnerungsgeschenk für den Zeitzeugen

Janusz Kahl mit einem Geschenk der Schüler der Ludwigsluster Lennéschule in der Hand. Mit auf dem Foto sind Urszula Spinkiewicz und Inge Wandersee (r.).
Janusz Kahl mit einem Geschenk der Schüler der Ludwigsluster Lennéschule in der Hand. Mit auf dem Foto sind Urszula Spinkiewicz und Inge Wandersee (r.).

Zeitzeugen Janusz Kahl und Urszula Spinkiewicz berichteten Ludwigsluster Schülern vom Warschauer Aufstand und der Verschleppung ins Konzentrationslager

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17. November 2015, 08:00 Uhr

Forschen Schrittes betritt Janusz Kahl den Klassenraum im Erdgeschoss der Lennéschule Ludwigslust. Er lächelt. Der 88-Jährige wird begleitet von Urszula Spinkiewicz. Beide kommen aus Polen und haben im August 1944 die blutige Niederschlagung des Warschauer Aufstands, die Erhebung der Polnischen Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer, erlebt. Im Zimmer warten 24 Schüler aus der 10 a, aus der Klassenstufe 9 und die Lehrerin Katrin Rössler gespannt auf die Zeitzeugen, die auf Initiative von Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, nach Ludwigslust gekommen sind.

Janusz Kahl, im Jahr 1944 17 Jahre alt, wurde zehn Tage nach Beginn des Aufstandes, am 10. August, verhaftet und gemeinsam mit seinen Eltern in das Durchgangslager Pruszkow deportiert. Kurz zuvor hatte der Sohn eines Richters am höchsten Verwaltungsgericht Polens und einer Malerin im Untergrund das Abitur abgelegt. Die deutsche Besatzung erlaubte polnischen Bürgern den Schulbesuch nur bis zur 6. Klasse. In Pruszkow blieb die Familie nur zwei Tage, dann brachte die SS sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Hier trennte man die Familie. Die Mutter kam in das KZ Ravensbrück. Janusz Kahl blieb zunächst in Sachsenhausen und erhielt die Häftlingsnummer 89588.

Nach wenigen Tagen wurde er nach Alt Garge bei Bleckede verschleppt. Hier war ein neues Außenlager des KZ Neuengamme zum Bau des Kohlekraftwerkes „Ost-Hannover“ der Hamburgischen Electricitätswerke eingerichtet worden. Er musste hart arbeiten und es gab kaum etwas zu essen. Mitte Februar 1945 wurde das Außenlager aufgelöst und die Häftlinge mit Schiffen in das Hauptlager überstellt. Nur einen Monat später transportierte man ihn nach Wöbbelin, wo er am 2. Mai 1945 durch die US-Armee befreit wurde.

Urszula Spinkiewicz war zum Zeitpunkt des Warschauer Aufstandes noch ein kleines Kind. Ihr Vater starb im KZ Neuengamme. Den Schülern, die gebannt zugehört haben, brennen jetzt viele Fragen auf der Zunge. Die Dolmetscherin Inge Wandersee übersetzt geduldig. Die Jugendlichen interessiert, wie das Überleben in dieser extremen Situation möglich war. Wie war der Tagesablauf? Gab es Kameradschaft? Was war das schrecklichste Erlebnis? Mit welchen Gefühlen erlebte Janusz Kahl die Befreiung? Wie verarbeitet man diese Dinge?

Der spätere Musiker und Komponist Janusz Kahl litt lange unter den Folgen der KZ-Haft. Sein Musikstudium musste er zeitweise unterbrechen, eine Solokarriere war nicht mehr möglich. „Meine Hände spielten nicht mehr mit. Sie waren durch die schwere Arbeit kaputt“, sagt der Warschauer ein wenig traurig. Heute empfindet er die Erinnerung nicht mehr als Belastung. Er beantwortet gerne die Fragen der Jugendlichen, bedauert es aber ein wenig, nicht schon früher Schülern von seinen Erlebnissen berichtet zu haben.

Der KZ-Überlebende hofft, dass dieses Gespräch in Erinnerung bleibt und die jungen Menschen nicht falschen Versprechungen folgen. Und was sagen die Schüler? Jennek findet die Begegnung „sehr interessant“. „Das Gespräch mit den Zeitzeugen war sehr wichtig für mich“, resümiert Bastian. Lucas ist beeindruckt vom Einblick in die Zeit vor 70 Jahren. Bereits am Vortag hatten sich die polnischen Zeitzeugen den Fragen der Neuntklässler des Wahlpflichtkurses Geschichte um die Lehrerin Claudia Lüdtke am Goethe-Gymnasium Ludwigslust gestellt.

Janusz Kahl und Urszula Spinkiewicz kommen am 2. Mai 2016, wie jedes Jahr, wieder zu den Befreiungsfeierlichkeiten nach Wöbbelin.



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