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Wöbbeliner Erzählcafé am Sonntag : Eine streng geheime Rettungsaktion

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Die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin laden am Sonntag zum beliebten Erzählcafé ein. Im Mittelpunkt der 5. Veranstaltung steht die fast unbekannte Geschichte einer einst streng geheimen Rettungsaktion.

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erstellt am 16.Okt.2012 | 12:35 Uhr

Wöbbelin | Die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin laden am Sonntag zum beliebten Erzählcafé ein. Im Mittelpunkt der 5. Veranstaltung steht die fast unbekannte Geschichte einer einst streng geheimen Rettungsaktion.

Nach Erzählungen über die Situation in Ludwigslust im 2. Weltkrieg, dem jüdischen Leben in der Stadt, Filmsequenzen von der Bombardierung und Fotos vom Kriegsende, wird Dr. Helga Niet am 21. Oktober von einer humanitären Aktion des Schwedischen Roten Kreuzes berichten.

Unter strengster Geheimhaltung fuhren Mitarbeiter dieser Organisation in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 mit sogenannten "Weißen Bussen" durch Deutschland. Sie holten Skandinavier aus deutschen Zuchthäusern und Konzentrationslagern, um sie in Sicherheit zu bringen. Die schwedisch sprechende Hobbyforscherin Niet folgt seit einigen Jahren den Spuren dieser Hilfsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes in Mecklenburg. Sah sie doch 1945, sie war noch ein Kind, die "Weißen Busse" am Schweriner Pfaffenteich stehen.

Norwegische Exilregierung in Stockholm hatte Aktion angeregt

Als "Weiße Busse" wurden die Fahrzeuge des Schwedischen Roten Kreuzes bezeichnet, die zur Rettung skandinavischer Gefangener in Deutschland unterwegs waren. Sie waren, in Absprache mit den Alliierten, zur Kenntlichmachung weiß lackiert worden und trugen ein rotes Kreuz in einem schwarzen Kreis, sowie die schwedische Flagge auf dem Dach.

Die Rettungsaktion für dänische und norwegische Gefangene begann am 9. März 1945. Die norwegische Exilregierung in Stockholm hatte in Schweden die Rettungsaktion unter der Rot-Kreuz-Führung angeregt, weil befürchtet wurde, dass die Gefangenen bei Vorrücken der Alliierten liquidiert werden würden. Graf Folke Bernadotte, Vizevorsitzender des Schwedischen Roten Kreuzes und Neffe des schwedischen Königs Gustav V. Adolf, wurde mit der Aktion betraut. Bernadotte nahm Verhandlungen mit Heinrich Himmler auf. Der Reichsführer SS Himmler suchte hinter Hitlers Rücken Möglichkeiten für einen Separatfrieden mit den Westmächten. Bernadotte erreichte, dass politische Gefangene aus Skandinavien durch das Schwedische Rote Kreuz im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg zusammengeführt werden konnten. Als Gegenleistung verpflichtete sich der Schwede, Himmlers Angebot an die Westmächte weiterzuleiten. Die skandinavischen Häftlinge brachte man über die dänischen Auffanglager nach Schweden. Bernadotte gelang es, die Rot-Kreuz-Rettungsaktion auf andere Häftlinge auszuweiten. Das Dänische Rote Kreuz unterstützte die schwedische Rettungsaktion. Die Zahl der geretteten Häftlinge wird in verschiedenen Quellen mit bis zu 20 000 angegeben. Dr. Niet fand Hinweise, dass die Busse auch in Ludwigslust Station machten und ein durch Tieffliegerbeschuss verletzter Mitfahrer in Grabow medizinisch versorgt wurde.

Woher wussten die Schweden, an welchen Orten sich skandinavische Häftlinge befanden? Hier konnte das Schwedische Rote Kreuz auf die Informationen einer mutigen deutschen Frau zurückgreifen. Die Hamburgerin Hiltgunt Zassenhaus half in der Tarnung als Briefzensorin und Besuchsüberwacherin skandinavischen Häftlingen. Sie benachrichtigte, zusammen mit einem norwegischen Seemannspastor, die Schweden über den Verbleib der Häftlinge. Ihre Lebenserinnerungen hielt Hiltgunt Zassenhaus unter dem Titel "Ein Baum blüht im November" fest.

Das Buch und die streng geheime Aktion des Schwedischen Roten Kreuzes stellt Dr. Helga Niet am 21. Oktober um 15 Uhr beim 5. Erzählcafé in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin vor. Im Rahmen der Veranstaltung findet ein Bücherflohmarkt statt.

Aufenthalt in Schweden hat ihr wahrscheinlich Leben gerettet

Zur Person: Dr. Helga Niet, Jahrgang 1934, ist Pensionärin und lebt in Schwerin. Sie wurde in Rügenwalde in Pommern, der heutigen Woiwodschaft Westpommern, in Polen geboren. Die Familie flüchtete bei Kriegsende 1945 nach Schwerin. Im hungerreichen Nachkriegsjahr 1949 konnte sie mit Hilfe der schwedischen Hilfsorganisation "Rettet die Kinder" ein Vierteljahr bei einer Familie in Schweden verbringen. Rückblickend sagt die agile 78-Jährige nachdenklich: "Der Aufenthalt in Schweden hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich habe zu Essen bekommen, bin aufgepäppelt worden. Daher rührt meine Leidenschaft für Schweden." Sehr jung, fremd im Land und ohne deutsche Gesprächspartner lernte sie dort schnell schwedisch. Sie fühlt sich mit diesem Land noch immer sehr verbunden. Heute zeigt sie, in Schwerin und anderen Orten Mecklenburgs, schwedischen Touristen die Schönheit unseres Landes.

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