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Der Wolf in MV : Eine Population, die der Raum verträgt

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

SVZ-Interview mit Till Backhaus über Wolf, Mensch und seine Initiative in der Umweltministerkonferenz / „Perspektivisch werden Obergrenzen zu besprechen sein“

Der Wolf ist da, und er pflanzt sich fleißig fort. Was will das Land tun, um ein konfliktarmes Nebeneinander von Mensch und Raubtier zu sichern? Dr. Till Backhaus, Landwirtschaftsminister von MV, gab im Gespräch mit Kathrin Neumann Auskunft.

Sind der jüngste Angriff von Wölfen auf eine Schafherde bei Malliß und der auf eine Rinderherde bei Niendorf an der Rögnitz für die Landesregierung Anlass zu reagieren?

Wir haben ein Wolfsmanagement, das darauf zielt, Schäden durch Wölfe zu verhindern. Wir begleiten ihre Ansiedlung wissenschaftlich durch ein Monitoring, wir haben etwa 80 Wolfsbetreuer und zwölf Rissgutachter ausgebildet. Das Ganze steht unter der großen Überschrift: Der Mensch und die Natur müssen wieder lernen, mit dem Wolf umzugehen. Wir müssen uns sachlich fundiert mit der Thematik auseinandersetzen. Deshalb habe ich eine Initiative in die Umweltministerkonferenz eingebracht, die jetzt Erfolg hatte.

Worauf zielt die Initiative?

Es geht um populationsbezogene Betrachtungen der Art Wolf und eine Definition, ab wann der sogenannte „gute Erhaltungszustand“ dieser streng geschützten Art erreicht ist. Wir haben die Bundesregierung aufgefordert, bis Herbst 2017 entsprechende Daten vorzulegen. Perspektivisch werden Obergrenzen und Bewirtschaftungsmaßnahmen zu besprechen sein. Und die Frage, wie ein Populationsmanagement vor dem Hintergrund, dass der Wolf den höchsten Schutzstatus hat, aussehen kann.

Diese Überlegungen gibt es schon seit Jahren. Aber passiert ist noch nicht viel, außer dass sich der Wolf fleißig fortgepflanzt hat?

Wir sind schon weitergekommen. Die Initiative hatte ich vor zwei Jahren schon einmal eingebracht. Damals scheiterte sie noch. Jetzt hatte Sachsen unseren Antrag unterstützt und wir haben es geschafft, die Mehrheit zu überzeugen. Es gab auch Stimmen, unter anderem aus Baden-Württemberg, dass ich doch nur schießen wolle. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, eine Population zu definieren, die der Raum verträgt. Und es geht darum, dem subjektiven und dem praktischen Sicherheitsbedürfnis gerecht zu werden. Wenn es Konfliktsituationen mit verhaltensauffälligen Wölfen oder Hybriden gibt, können wir schon jetzt Maßnahmen einleiten und einen Wolf auf Grundlage des Bundesnaturschutzgesetzes oder des Sicherheits- und Ordnungsgesetzes töten.

Wann ist ein Wolf verhaltensauffällig?

Wenn er sich dreist gegenüber Menschen verhält, sie gefährdet oder notorisch unerwünschtes Verhalten zeigt. Wenn er zum Beispiel eine Herde trotz ausreichendem Schutz immer wieder angreift.

In ländlichen Regionen, in denen der Wolf aktiv ist, fühlen sich Menschen bereits in ihrer Freiheit beschnitten, weil sie sich nicht mehr allein oder nicht mehr zu bestimmten Zeiten in den Wald trauen. Halten Sie diese Reaktionen für überzogen?

Ich habe dafür Verständnis. Aber unter dem Strich sind es doch nur sehr wenige, die großes Glück oder aber Sorge hatten, weil sie einen Wolf gesehen haben. Die große Masse hat ihn noch nie getroffen. Ich nehme die Sorgen aber sehr ernst. Es wäre der Albtraum, wenn da etwas passieren würde. Ich warne aber auch vor einseitiger Panikmache. Wir rufen dazu auf, uns Hinweise zu geben, wenn ein Wolf abnormes Verhalten zeigt, und Sichtungen möglichst zu dokumentieren und zu melden. Und wir appellieren an alle, Wölfe nicht anzufüttern. Alle Tierhalter – ob Kleinsthalter oder großer Züchter von Schafen, Ziegen oder Wild – müssen ihre Herden schützen. Das fördern wir auch. Wer seine Herde nicht schützt, füttert an. Und die Stelle merkt sich der Wolf und gibt das auch an die nächste Generation weiter.

Von Bürgermeistern, von Schafzüchtern und Bürgern hört man, dass sie sich nicht informiert, nicht mitgenommen fühlen. Muss man da nicht nachbessern?

Nichts ist so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte. Aber wir haben den Prozess immer begleitet und werden ihn weiter begleiten. Unsere Leute und auch ich selbst sind bereit rauszukommen, um mit den Menschen zu reden. Wir haben die Wolfsbetreuer, die in der Fläche aktiv sind. Es gibt Faltblätter, Treffen mit den Nutztierhalterverbänden und nicht zuletzt unsere Internetseite www.wolf-mv.de.

Jäger aus Wolfsrevieren berichten, dass zum Beispiel der Rotwildbestand zurückgegangen ist. Ist die Tierart Wolf für die Artenvielfalt wichtiger als andere?

Rotwild ist nicht vom Aussterben bedroht. Aber natürlich verhält sich das Wild dort, wo der Wolf jagt, anders als zuvor. Auch Rot- und Damwild lernt, mit diesem Feind umzugehen. Es wird phasenweise nicht mehr am bekannten Ort sein. Aber von einem dramatischen Einbruch bei Rot-, Dam- und Schwarzwild kann definitiv keine Rede sein. In Spitzenjahren wurden im Land rund 160 000 Stück Schalenwild erlegt, im vergangenen Jahr waren es mit rund 140 000 Stück nur unwesentlich weniger. Bei Rehwild gibt es dagegen gewisse Veränderungen, weil es eine vergleichsweise leichte Beute ist.

In der Region wird gemutmaßt, dass die Wölfe von den abziehenden russischen Truppen zurückgelassen oder dass sie ausgesetzt wurden, weil sie sich hauptsächlich im Osten und auf den Truppenübungsplätzen angesiedelt haben…

Das hat eher historische Ursachen. In Weißrussland und Polen wurde der Wolf bis zur politischen Wende bejagt. Doch jetzt steht er auch in Polen unter Schutz. Und damit hat der Wolf seine alte Wolfsroute über Polen und Deutschland nach Frankreich wieder aufgenommen. Dass die großen Truppenübungsplätze und Naturschutzgebiete ihm sehr gute Lebensgrundlagen, unter anderem dank des guten Wildangebotes, bieten, hat dazu geführt, dass er sich dort ansiedelte. Perspektivisch müssen wir prüfen, ob Teilgebiete in Biosphärenreservaten und auf den Flächen des Nationalen Naturerbes der begrenzende Faktor für den Wolf sein können und er damit rechnen muss, gejagt zu werden, wenn er diese überschreitet. Gleichwohl müssten diese Gebiete ausreichend groß gefasst werden, damit sie dem natürlichen Aktionsradius der Tiere entsprechen. Das Thema ist komplex.

Insgesamt ist es mir wichtig, dass wir die Debatte zum Wolf sachlich führen. Aktuell haben wir in Deutschland rund 470 Wölfe, in MV sind es zwischen 20 und 30 Tiere, Tendenz steigend. Dieses Thema wird uns also auch zukünftig beschäftigen. Die Politik wird nicht umhinkommen, Entscheidungen zu treffen. Ich bin dazu bereit.

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