zur Navigation springen
Ludwigsluster Tageblatt

22. November 2017 | 06:34 Uhr

Glaisin : Eine Egge mit ein bisschen Fahrrad

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Wilhard und Holger Friel haben Patent auf ein landwirtschaftliches Gerät.

svz.de von
erstellt am 03.Mär.2017 | 09:00 Uhr

„Das kann doch nicht wahr sein. Jetzt haben die das Fahrrad nochmal erfunden.“ Das waren die Worte eines amerikanischen Zuhörers, als  er während eines Vortrags von der Kurzscheibenegge hörte, die sich Wilhard Friel, Holger Friel und Christoph Schlegel patentieren ließen. Recht hatte er damit nicht, auch wenn in dem landwirtschaftlichen Gerät tatsächlich ein bisschen Fahrrad steckt.

Holger Friel ist von Berufs wegen Tüftler. Nach seinem Studium der Landtechnik blieb der Ingenieur – entgegen seiner Pläne – erst einmal an der Universität Rostock, forschte und entwickelte für den Landmaschinenbau. Schon damals meldete er gemeinsam mit Christoph Schlegel, Diplomingenieur für Landtechnik und Konstruktionstechnik, sein erstes Patent an. „Die Entwicklung einer Nachzerkleinerung für Feldhäcksler war mein Promotionsthema“, erzählt Holger Friel. „Wir haben die zwei Walzen, die die Maiskörner zermalmen, sozusagen in die dritte Dimension gebracht, indem sie ein Profil bekommen haben.“ Für Tiernahrung sei es wichtig, den Mais aufzuschließen, damit so viele Nährstoffe wie möglich nutzbar werden, erklärt Landwirt Wilhard Friel.

 Die Promotion seines Bruders Holger wurde nie fertig, weil der betreuende Professor die Uni verließ. Doch die patentierte Nachzerkleinerung ist in Feldhäcksler eingebaut worden. „Eines der wenigen Patente, die sich tatsächlich gelohnt haben“, so Friel. 1997 verließen er und Christoph Schlegel die Uni und gründeten ihr Ingenieurbüro. Die meisten Aufträge bekommen sie aus dem Landtechnikbau, aber auch an der Konstruktion von Montagebrücken für den Flugzeugbau haben sie schon mitgewirkt. Holger Friel in Glaisin, Christoph Schlegel (57) in Rostock – verbunden häufig nur über die Computer. „Manchmal sehen wir uns ein halbes Jahr lang nicht“, so Schlegel.

Bei der Kurzscheibenegge bestand die Aufgabe, für die Tiefenführungsräder eine Anordnung zu finden, die einfacher ist und weniger Raum erfordert. Das führe nicht nur dazu, dass beim Bau Material gespart werden kann, sondern ist auch nötig, damit die Scheibenegge mit einer Arbeitsbreite von bis zu 17 Metern ohne Sondergenehmigung über deutsche Straßen rollen darf. „Dazu darf das Gerät zusammengeklappt höchstens drei Meter breit und vier Meter hoch sein“, erklärt Holger Friel. Das Problem wurde gelöst, indem die Tiefenführungsräder quasi wie das Vorderrad eines Fahrrads und deren Halterungen in einem bestimmten Winkel eingebaut werden. „Als wir das in der Entwicklungsabteilung unseres Auftraggebers vorstellten, meinten sie, dass wir nun spinnen“, erinnert sich der Glaisiner. Um zu beweisen, dass es funktioniert, dass die Räder in die gewünschte Richtung laufen und das breite Gerät auch gewendet werden kann, baute er mit Teilen aus dem Modellbaukasten seiner Kinder ein Modell und ließ es von einem ferngesteuerten Spielzeugtraktor über den Billardtisch ziehen. „Wir filmten die Fahrt und konnten mit dem Video die Entscheider überzeugen“, so Friel. Und so erteilte der Landtechnik-Produzent den Auftrag für die weitere Entwicklung. Inzwischen gibt es die Anhänge-Scheibenegge Catros 12003 von Amazone, in der neben dem Tastrad-Patent auch eines für den Klappmechanismus steckt, zu kaufen.

Die Idee, das Prinzip des Fahrrad-Vorderrades zu nutzen, stammt von Wilhard Friel (60), Geschäftsführer der Agrarprodukte Göhlen. „Er hatte das mal für eine andere Entwicklung vorgeschlagen, als es um eine zusätzliche Achse für ein selbstfahrendes Gerät ging“, so Holger Friel. „Diese Idee hatte ich noch im Kopf.“

Um eine Erfindung machen zu können, muss man nach Ansicht des 56-Jährigen erst einmal ein bisschen faul oder in Not sein. Die Not bei der Scheibenegge sei gewesen, sie auf die zulässige Breite und Höhe bringen zu müssen. Ein Stück Grundfaulheit gibt es nicht nur vor, sondern auch während der Entwicklungsarbeit. „Ich muss mich immer fragen, ob ich das, was ich mit vielen Teilen baue, auch mit wenigen erreichen kann“, so Holger Friel. „Denn dann muss ich auch weniger zeichnen.“ Und der Hersteller kann günstiger bauen.

Hier eine Achse mehr, dort ein Rad weniger oder eine andere Radaufhängung – damit werde es in der Entwicklungsarbeit für Landtechnik künftig nicht mehr getan sein. „Wir müssen die bisherigen Technologien weglassen und ganz neue entwickeln“, ist Holger Friel überzeugt. Oder alte, zum Beispiel zu DDR-Zeiten entwickelte, weiterentwickeln. Dazu würden die Tüftler aus Glaisin und Rostock gern mit der Technischen Universität Dresden und mit Herstellern ein Projekt starten. Noch halten sich die Hersteller allerdings zurück. „Die Not muss groß genug sein…“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen