Wende in Ludwigslust : „Ein Zeichen der Entschlossenheit“

Die Groß Laascher standen an der B 191 in Gruppen verteilt und in Sichtweite zu den Menschen aus Neustadt-Glewe.
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Die Groß Laascher standen an der B 191 in Gruppen verteilt und in Sichtweite zu den Menschen aus Neustadt-Glewe.

„Ein Licht für unser Land“: Heute vor 25 Jahren bildete sich kilometerlange Menschenkette zwischen Lulu, Grabow und Neustadt-Glewe

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02. Dezember 2014, 10:49 Uhr

Diesig, nasskalt und wolkenverhangen. Das Wetter am 3. Dezember 1989 passte so gar nicht zu der Stimmung, mit der sich heute vor genau 25 Jahren Tausende in der Region auf den Weg hinaus in die Kälte machten. Gegen zwölf Uhr kamen in der DDR die Menschen auf den Straßen zur längsten Menschenkette quer durch Ostdeutschland zusammen. Torsten Westphal, damals Sprecher des Neuen Forums in Grabow, erinnert sich vor allem an die vielen Menschen, die zu Fuß oder mit den Autos zu den Streckenabschnitten gekommen waren. „Das hat mich sehr beeindruckt. Die Kette zwischen Ludwigslust und Grabow war fast lückenlos.“ Mit einer Kerze in den Händen stand Westphal damals Seite an Seite mit Gleichgesinnten irgendwo am Ortsausgang. „Die Menschenkette war etwas sehr Besonderes“, sagt er. „Zu diesem Zeitpunkt war es nicht selbstverständlich, dass DDR-Bürger ohne staatliche Organisation Aktionen planten. Diese hier war allein aus der Basisdemokratie hervorgegangen.“ Westphal, heute Lehrer am Ludwigsluster Gymnasium, ärgert sich, dass er damals keinen Fotoapparat dabei hatte. Er habe zuhause nach Quellenmaterial gesucht und nichts über Menschenkette gefunden.

Fritz Tiede aus Groß Laasch dagegen hat viele Kartons mit Fotos, Protokollen, Plakaten, beschriebenen Bettlaken und Handzetteln auf dem Dachboden verstaut. „Das war so eine spannende Zeit. Das musste ich einfach aufheben“, sagt der heute 73-Jährige. Er war 1989 Sprecher der Groß Laascher Gruppe des Neuen Forums. Bärbel Bohley war mit dem Nachbarssohn liiert und an den Wochenenden öfter mal zu Gast im Dorf. „Wir haben gern mit ihr geredet“, erzählt Tiede. „Von ihr haben wir auch die ersten Aufrufe des Neuen Forums im August bekommen.“ Die Menschenkette am 3. Dezember sollte ein Zeichen der Hoffnung und Entschlossenheit für eine demokratische Erneuerung sein. „Wir wollten die Veränderung im Land“, sagt er. „Mit diesen Wünschen war es 1990 ja bekanntermaßen schnell vorbei. Die Geschichte hat uns überrollt.“ Heute blickt er mit gemischten Gefühlen zurück: „Alles in der DDR zu ignorieren, war nicht gut“, sagt er. Dennoch sei er heute zufrieden: „Für unsere Kinder war es das Beste so.“

Auch Holger Wegner aus Karstädt war Teil der Menschenkette. Er stand ab halb zwölf auf der Hochbrücke in Ludwigslust. „Es war nicht abzusehen, wie viele kommen würden“, sagt er. „Viele wollten nach der Grenzöffnung ja auch in den Westen.“ Am Ende standen mehr als 4000 Menschen auf den Straßen rund um Ludwigslust. Fünfzehn Minuten hielten sie sich an den Händen. Menschen, die zufällig im Auto vorbeifuhren, sprangen heraus und reihten sich ein. „Es waren sehr bewegende Momente“, sagt Wegner. Eine Zeit voller Glück, Hoffnung, aber auch Sorge über die Zukunft. Von demokratischer Erneuerung der DDR sollte schon Monate später keine Rede mehr sein. Bereits auf der Montagsdemo am 11. Dezember in Ludwigslust habe es heftige Dispute zwischen demokratischen Erneuerern und Befürwortern der Deutschen Einheit gegeben. Am Ende, so Wegner, sei die Diktatur schneller zusammengebrochen als die Bürgerbewegung laufen lernte.

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