Braunkohlebergwerk Malliss : Ein wahrer Held der Arbeit

Erwin Musall gehört zu dem letzten Dutzend von Bergarbeitern, die sich jedes Jahr am ersten Sonntag im Juli zum Bergmannstag in Malliß treffen.  Fotos: Hennes (2)
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Erwin Musall gehört zu dem letzten Dutzend von Bergarbeitern, die sich jedes Jahr am ersten Sonntag im Juli zum Bergmannstag in Malliß treffen. Fotos: Hennes (2)

Erwin Musall (79) arbeitete als einer der letzten Bergleute unter Tage im Mallisser Braunkohlebergwerk / Bergmannstreffen am 2. Juli

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21. Juni 2017, 21:00 Uhr

Keine 18 Jahre alt war Erwin Musall, als er das erste Mal die Waschkaue in Malliß betrat. Dieses Bild von den vielen Arbeitshosen, Kutten, Gummistiefeln und Helmen, die da hoch oben an den hochgezogenen Haken über den Köpfen der eintreffenden Bergmänner baumelten, hat er heute noch vor Augen. „Ich hatte bis zu jenem Tag zuhause bei meinem Vater in der Landwirtschaft gearbeitet. Mit der Gründung der LPG hatte sich das ja bald erledigt und so musste ich mir etwas Neues suchen“, erzählt er.

79 Jahre ist Erwin Musall heute alt. Er gehört zu den wenigen, die auch fast sechs Jahrzehnte nach der Schließung des Mallisser Bergwerkes erzählen können, wie schwer die Männer unter Tage gearbeitet haben. Musall begann als Vorfahrer, der die mit Braunkohle beladenen Hunten (Förderwagen) schieben musste. Er arbeitete sich schnell hoch zum Schlepper, war dann zuständig für das Befüllen der Hunte mit jeweils sieben Zentnern Kohle. „Das war Akkordarbeit“, erinnert er sich. „Wir wurden nach Leistung bezahlt. Ich habe manchmal allein in acht Stunden 80 Hunten voll geschaufelt.“ Und das an sechs Tagen die Woche (damals wurde auch sonnabends gearbeitet). Die meisten Bergmänner mussten sich ducken, um durch den 1,70 Meter hohen Schacht in die Tiefe zu steigen. Vorbei an den Karbidlampen, die nur spärlich Licht spendeten. „Unten haben wir oft unsere Helme abgesetzt, weil wir bei der Arbeit so schwitzten. Und wenn der Kontrolleur im Anmarsch war, hatten wir unsere eigene Signalkette, um die Nachricht zu verbreiten.“ Überhaupt sei das Miteinander unter den Bergmännern etwas ganz Besonderes gewesen. „Wir waren ein Herz und eine Seele. Jeder war für jeden da. Die Arbeit unter diesen Bedingungen hat uns Kumpel sehr zusammengeschweißt.“ Nicht jeder war dafür gemacht. „Es gab etliche Männer, die nur nach Tagen oder wenigen Wochen wieder hinschmissen“, erzählt Musall. Er selbst dachte nie ans Aufhören. Als das Bergwerk am 31. März 1960 für immer schloss, wäre er gern ins Bergwerk nach Lübbenau gewechselt. „Aber ich war frisch verliebt. Meine Frau ist schuld, dass ich hier geblieben bin“, sagt er. Musall ging dann ins Betonwerk, später in die Papierfabrik und arbeitete bis zur Rente für ein Bauunternehmen. „Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet. Leichte Arbeit kenn’ ich gar nicht“, sagt er.

Die fünf Jahre im Bergwerk haben ihn geprägt. Und obwohl er nicht ein einziges persönliches Foto oder Dokument aus jener Zeit besitzt, halten seine Erzählungen die Erinnerungen wach. Er weiß noch, wie er an sonnigen Tagen nach acht Stunden im Schacht wieder oben angelangt halb blind durch die Gegend lief. Und er erinnert sich gern an die geselligen Betriebsfeste am Tag des Bergmannes (jeweils der erste Sonntag im Juli), auf denen die fleißigsten Bergarbeiter ihre Jahresprämien bekamen.

Heute, meist an kalten Wintertagen, zieht es Erwin Musall wieder in den Wald zu den Mundlöchern, den alten Schachteingängen, die außer ihm kaum jemand noch finden kann. Schon ganz bald wird er seinen Urenkel mitnehmen. Musall: „Er ist gerade zwei Jahre alt geworden. Ich hoffe sehr, dass ich ihm von meiner Arbeit noch berichten kann.“

Erinnerung an längst vergangene Zeiten am Ortseingang von Malliß.

Erinnerung an längst vergangene Zeiten am Ortseingang von Malliß.

 
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