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Ludwigsluster Tageblatt

24. Oktober 2017 | 06:18 Uhr

Neuhaus : Ein Soldatenschicksal klärt sich auf

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Amerikanisches Spezialistenteam barg sterbliche Überreste eines im Frühjahr 1945 abgestürzten Piloten / Identität wird nun ermittelt

Bereits dicht unter der Erdoberfläche bei Dreilützow  finden die  Suchenden erste Flugzeugtrümmerteile.   Fotos: Thorsten Meier von
erstellt am 22.Jun.2014 | 09:30 Uhr

Was bewegte eine Frau, jahrelang das Grab eines amerikanischen Soldaten, dessen Flugzeug am Ende des Zweiten Weltkrieges im Waldgebiet Bohldamm abstürzte, zu pflegen und Blumen hinzustellen? Vielleicht hatte sie selbst einen nahen Angehörigen im Krieg verloren und hoffte, jemand würde sich um dessen Grabstelle kümmern? Vielleicht war diese Frau , eine Flüchtlingsfrau und Waldarbeiterin, die lange verstorben ist, einfach nur ein mitfühlender Mensch.

Was bewegt heute einen 71-jährigen Mann, Manfred Römer aus Rosien, sich für das Schicksal dieses Piloten zu interessieren, sich zu fragen, ob seine sterblichen Überreste noch dort liegen, oder ob sie damals in die USA überführt worden sind? Wohl die Erinnerungen des damals Fünfjährigen, der er im Frühjahr 1945 war. Die Erinnerung an das brennende Flugzeug über seinem Dorf, das dann im Wald abstürzte. Und auch die Erinnerung an den eigenen Vater, der nicht aus dem Russlandfeldzug nach Hause kehrte und von dem die Familie nicht weiß, wo er begraben ist.


Erinnerung an den toten Soldaten wach gehalten


Der Frau, die solange das Grab pflegte, ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an den getöteten Soldaten wach blieb. Und dem Wunsch Manfred Römers, zur Aufklärung eines Soldatenschicksals beizutragen, ist es zu verdanken, dass nun eine Chance besteht, die Identität des Piloten festzustellen. Manfred Römer führte seine Gründe vor Kurzem in seiner Ansprache in einem Zelt auf seinem Hof an. Er beschrieb den Werdegang, den seine Recherche bis zu diesem Zeitpunkt genommen hatte. Ihm hörten die Mitglieder eines Teams der amerikanischen Organisation JPAC (Joint POW/MIA Accounting Command) zu, einer Dienststelle der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, die nach den sterblichen Überresten von Kriegsgefangenen oder vermissten Soldaten sucht, sie identifiziert und die sterblichen Überreste zurück führt. Eine gewaltige Aufgabe, denn weltweit ist das Schicksal von 88 000 amerikanischen Soldaten ungeklärt.

Bis es soweit war, dass die Hinweise auf noch am Ort vorhandene, sterbliche Überreste eines amerikanischen Piloten sich soweit verhärteten, dass ein Team von JPAC aus den Staaten ins Amt Neuhaus kamen, um hier konkrete Untersuchungen durchzuführen, vergingen einige Jahre. Manfred Römer recherchierte, befragte Zeitzeugen, trat in Kontakt zur Gedenkstätte in Wöbbelin. Darüber kam es zur Zusammenarbeit mit einem amerikanischen Wissenschaftler, der in dortigen Archiven forschte und schließlich stieß Römer auch auf die private und ehrenamtliche Organisation MAACRT (Missing Allied Air Crew Research) von Enrico Schwartz, der seit 16 Jahren nach vermissten, amerikanischen Soldaten sucht, wenn ihn eine Anfrage einer Familie aus den USA erreicht. Er und seine Leute konnten ganz entscheidende Hinweise finden.

Am Mittwoch wurde die Suche mit den Experten von JPAC dann konkret. Die mutmaßliche Stelle, an der der Soldat begraben liegt, wurde untersucht, aber auch die Zeitzeugen wurden von den Spezialisten des JPAG befragt, unter ihnen Karl-Heinz Runge, Paul Möller und Bernd Wisniewski. Karl-Heinz Runge kann sich noch ziemlich genau an den Absturz erinnern. „Ich war damals zehn Jahre alt und rannte mit meiner Mutter zur Stelle im Wald. Der Pilot hatte den Absturz überlebt, wurde dann aber von Soldaten erschossen. Man wartete ab, bis die Maschine ausgebrannt war, zog ihn dann heraus und begrub ihn ganz in der Nähe.“

Die Experten von JPAC fanden sterbliche Überreste und bargen sie. Sie werden in den Laboratorien des JPAC genau untersucht und der Tote kann dann sehr wahrscheinlich identifiziert werden. Die genaue Todesursache stehe noch nicht fest, so Nicole Rhoton von JPAC. „Wenn die Identität feststeht, wird die Familie informiert . Erkennt sie die Identifikation an, entscheidet die Familie darüber, wo die sterblichen Überreste bestattet werden.“

In einer Abschlussrunde bei Bürgermeisterin Grit Richter bedankte sich Teamleiter Jesse Jones für die große Unterstützung, die sein Team bei der Bergung erfahren habe. Dass die sterblichen Überreste so schnell gefunden worden waren, sei sehr ungewöhnlich. In den USA erfahren nun Menschen vom Schicksal ihres Angehörigen und haben einen Ort für ihre Trauer.

 

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