Pfarrscheune : Ein neuer Ort der Erinnerung

Zahlreiche Gäste waren zur Einweihung der Begegnungsstätte in die Pfarrscheune gekommen. Fotos: andreas münchow
Zahlreiche Gäste waren zur Einweihung der Begegnungsstätte in die Pfarrscheune gekommen. Fotos: andreas münchow

Pfarrscheune in Sülstorf wurde am Wochenende als Begegnungsstätte, Lern- und Gedenkort mit zwei Ausstellungen eingeweiht

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19. März 2018, 05:00 Uhr

„Bei einem Waggon war die Tür etwas aufgeschoben. Da oben stand eine Frau, ganz blass, sie spuckte Blut…“ Hanne-Lore Vick war damals 13 Jahre alt, damals, als sie im April 1945 auf dem Bahnhof von Sülstorf den Zug voller KZ-Häftlinge sah.

Am Sonnabend war Hanne-Lore Vick wieder in Sülstorf. Die heute 85-Jährige gehörte zu den mehr als 100 Besuchern, die zur Einweihung der sanierten Pfarrscheune als Begegnungsstätte, Lern- und Gedenkort gekommen waren. Unter den Gästen war der Berliner Historiker Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Er sagte: „Der 8. Mai 1945 war der Tag der Befreiung, das muss man immer wieder betonen.“ Für die KZ-Häftlinge aber habe es keine Befreiung von ihren Erinnerungen an die Leidenszeit geben können.

Schülerinnen und Schüler der Rastower Schule lasen aus Erinnerungsberichten überlebender Häftlinge und zeigten einen selbst produzierten Dokumentarfilm zum Scheunenprojekt, das sie begleitet haben. Im Bericht von Theodorus van der Sluijs heißt es: „Wir hielten regelmäßig an, um Massengräber zu schaufeln…“ Der Holländer gehörte 1945 zu den Häftlingen des KZ Helmstedt-Beendorf, die mit einem Räumungstransport nach Sülstorf kamen und deren Zug in Sülstorf vom 13. bis 15. April am Bahnhof stand. Die männlichen Häftlinge kamen in das KZ Wöbbelin, die Frauen in das Hamburger Außenlager des KZ Neuengamme. Mehr als 300 Häftlinge kamen in den drei Tagen in Sülstorf ums Leben.

Hanne-Lore Vick erinnert sich: „Der Bürgermeister wies die Sülstorfer damals an, Kartoffeln zu kochen und zum Bahnhof zu bringen. Auch meine Eltern kochten dann.“ Abends hörte ich dann Hilfeschreie und Schüsse vom Bahnhof her. Ich weiß nicht, ob es nur Warnschüsse waren.“

Den Zusammenhängen um diesen Transport ist eine der Ausstellungen in der Pfarrscheune gewidmet: „Der Ehrenfriedhof Sülstorf – ein Ort des Erinnerns und Gedenkens. Die Ausstellungstafeln zeigen sowohl Fotos als auch erläuternde Texte, die Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, erarbeitet hat.

Die zweite Ausstellung trägt den Titel „Die Kirchengemeinde Sülstorf im Wandel der Zeit.“ Pastor Arpád Csabay: „Wir dokumentieren auf diesen Ausstellungstafeln, so gut es geht, die Geschichte der Kirchengemeinde und auch die Historie von Sülstorf.“

Das Scheunenprojekt wurde gemeinsam von der Kirchengemeinde Pampow-Sülstorf und dem Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim realisiert und durch das Landwirtschaftsministerium im Rahmen des Leader-Programms mit knapp 70 000 Euro finanziert. Weitere Gelder kamen aus kirchlichen sowie privaten Mitteln.

Obwohl sie inzwischen längst in Schwerin wohnt, fühlt sich Hanne-Lore Vick immer noch mit Sülstorf verbunden. „Deshalb bin ich heute mit meiner Tochter wieder hier“, sagt sie. „Ich bin hier getauft und konfirmiert worden, aufgewachsen. Mit Sülstorf verbinden mich so viele Erinnerungen.“

Wer ab sofort die Pfarrscheune in Sülstorf besuchen möchte, kann sich sowohl bei Bürgermeister Horst Busse als auch im Pfarrhaus melden.

Ramona Ramsenthaler: „Interessenten an Führungen in der Pfarrscheune können sich auch gerne in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin melden.“

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