zur Navigation springen
Ludwigsluster Tageblatt

11. Dezember 2017 | 23:50 Uhr

Muchow : Ein ganz besonderer Geburtstag

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Die Muchowerin Pauline Hegner berichtet aus Weißrussland, wo sie an einem Hilfsprojekt in einem Kinderhospiz in Minsk teilnimmt.

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2016 | 17:00 Uhr

Zurück in der Sowjetunion – so kam es einem zumindest vor, wenn man am 9. Mai durch die Straßen Minsks zog. Denn während ich ganz nebenbei 19 wurde, feierte Belarus mit dem „Tag des Sieges“ das Ende des Zweiten Weltkrieges. Wie auch in anderen ehemaligen Sowjetstaaten (z. B. In Russland und Kasachstan) ist dieser Tag hier zu Lande einer der wichtigsten gesetzlichen Feiertage. Bereits in der Woche zuvor sah man immer mehr Menschen, die stolz ganze Jacken voller Orden trugen, und die ganze Stadt wurde mithilfe von überdimensional großen Girlanden und Plakaten festlich geschmückt. Am Feiertag selbst fand das Hauptprogramm natürlich auch auf dem Platz des Sieges statt, wo sich ein großer Obelisk und die ewig in Gedenken an die gefallenen Soldaten brennende Flamme befindet.

Der 9. Mai begrüßte Minsk schon morgens, als das Spektakel gegen 10 Uhr begann, mit Sonnenschein und einem wolkenlosen Himmel. Soldatenbrigaden marschierten in perfekter Formation auf und legten Kränze nieder, doch die Besucher warteten eigentlich auf etwas ganz anderes – den Auftritt ihres Präsidenten. Dieser kam dann auch wenig später in einer schwarzen Limousine begleitet von mehreren Polizeiautos angefahren, winkte seinem Volk zu, legte ebenfalls einen Kranz nieder, hielt eine Rede und rief zu einer Schweigeminute auf. Dennoch waren die eigentlichen „Stars“ des Tages die Veteranen, die einen Ehrenplatz auf einer Tribüne am Platz bekamen und denen der Präsident persönlich die Hand schüttelte.


Feuerwerk als krönender Abschluss


Den krönenden Abschluss bildeten dann am Abend gleich mehrere prunkvolle Feuerwerke, die das nächtliche Minsk von allen Seiten erhellten und an die ich mich zu meinem Geburtstag durchaus gewöhnen könnte. Außenstehenden mag diese immer noch anhaltende Begeisterung für einen Sieg, der sich jetzt immerhin schon zum 71. Mal gejährt hat und ja auch nicht von Belarus allein, sondern von dem riesigen Staatenbund UdSSR erzielt wurde, vielleicht etwas befremdlich vorkommen. Es geht an diesem Tag aber nicht nur um Patriotismus, denn man darf nicht vergessen, dass Weißrussland eines der am schwersten vom Krieg beschädigten Länder war. Durch die geographisch ungünstige Lage (genau auf der Route nach Russland) starben allein in Minsk ca. eine viertel Million Menschen und eines der größten Konzentrationslager befand sich ebenfalls auf heute belorussischem Staatsgebiet – und dennoch fand das Land bei der internationalen Aufarbeitung des Geschehenen kaum Beachtung. So wird es zumindest ein bisschen verständlicher, warum so viele Belarussen diesen Tag immer noch feiern und sich jedes Jahr mit Bildern ihrer gefallenen Väter oder Großväter auf dem Platz des Sieges versammeln.

Nichtsdestotrotz wird einigen Minskern dieser Trubel zu viel und sie flüchten sich auf ihre sogenannte Datsche, also einem kleinen Häuschen mit Garten draußen auf dem Land. Auch eine der Familien, die ich hier betreue, verbrachte die Feiertage dort und lud mich und meine Kolleginnen ein, dort einen Tag mit ihnen zu verbringen. Da wir zu dieser Familie mittlerweile ein sehr gutes Verhältnis aufgebaut haben, war es eine sehr vertraute Atmosphäre: Wir spielten Fußball mit dem fünfjährigen Sohn, für den unsere Besuche längst zum Highlight der Woche geworden sind, grillten abends belorussisches Schaschlik und selbst die siebenjährige Tochter, die aufgrund einer Genkrankheit bewegungsunfähig ist und sich auch kaum äußern kann, fing im Sonnenschein plötzlich herzhaft an zu lachen.

Auch ich war mehr als froh, mal wieder raus aus der Stadt zu kommen und fühlte mich bei der Stille und den weiten, bereits bestellten Feldern dann doch sehr an mein Zuhause in Mecklenburg erinnert. So hatte ich an diesem Maiwochenende beides – ein Stück Heimatgefühl und eine geballte Ladung belorussischer Tradition.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen