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Ludwigsluster Tageblatt

12. Dezember 2017 | 11:32 Uhr

Ludwigslust : Ein Dank an die Geschwister

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Wenn das Leben von gesunden und kranken Kindern in der Familie zur Herausforderung wird – Pauline Hegner im Kinderhospiz in Minsk

svz.de von
erstellt am 16.Feb.2016 | 16:10 Uhr

Pauline Hegner hat ihr Abitur am Ludwigsluster Goethe-Gymnasium gemacht und schickt sich nun an, die Welt zu entdecken. Bevor die junge Frau ihr Studium antritt, arbeitet sie in der weißrussischen Hauptstadt Minsk  in einem Kinderhospiz. Heute meldet sich die junge Frau wieder einmal in der SVZ zu Wort.

 „Es ist kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht! Schon über fünf Monate habe ich in Belarus verbracht, wodurch die Hälfte meines Freiwilligendienstes fast herum ist. Aus diesem Grunde möchte ich diesen Artikel jenen Menschen widmen, die bei der Arbeit mit Behinderten oder Kranken schnell übersehen werden: Den Geschwistern. Schon Eltern in „normalen“ Familien wissen, wie schwer es ist, jedem Kind immer genau die Aufmerksamkeit zu geben, die es braucht – der Kleine benötigt Hilfe bei den Hausaufgaben, die Große hat Streit mit Freunden, und nebenbei müssen  noch der eigene Arbeitsalltag und der Haushalt bewältigt werden. Diese Situation wird allerdings noch einmal verschärft, wenn eines der Kinder schwer krank ist und es plötzlich darum geht, dass regelmäßig die richtige Spezialnahrung gefüttert wird, verschiedene Therapeuten- und Arztbesuche koordiniert werden müssen und dabei nie ganz klar ist, ob oder wie sehr sich der Zustand des Kindes verbessert, aber trotzdem alle Fördermöglichkeiten genutzt werden sollen. Die gesunden Geschwister spielen dann – ohne irgendwelche bösen Absichten natürlich – schnell nur die zweite Rolle, da sie schlichtweg zur Selbstständigkeit fähig sind. Im Grunde führt das zu zwei Entwicklungen, die ich während meiner Arbeit hier beobachten kann.

Einerseits freuen sich die Geschwister immer ungemein über den Besuch von mir und meinen beiden Mitfreiwilligen, da endlich Leute da sind, von denen sie Aufmerksamkeit einfordern können. So zum Beispiel die vierjährige Nastja* (ihre Zwillingsschwester Darya* wurde ohne Speiseröhre geboren und ist auch nach zahlreichen Operationen stark eingeschränkt), die uns jedes Mal ihre neu gebastelten Sachen zeigt und ununterbrochen mit uns puzzeln oder nach ihren eigenen, nicht immer ganz verständlichen Regeln mit einem Luftballon spielen möchte. Leider fängt sie aber auch an, ständig über Schmerzen in Beinen, Bauch oder im Auge zu klagen, also in genau den Bereichen, in denen auch Darya Probleme hat – immerhin hat sie ihr ganzes Leben lang gesehen, wie viel Aufmerksamkeit man bei einer Krankheit bekommt. Andererseits werden die Geschwister kranker Kinder wahnsinnig schnell erwachsen. Ein gutes Beispiel dafür ist Daryas* und Nastjas* elfjähriger Bruder Dennis*, der in jeder Situation genau weiß, was zu tun ist. So blieb er ganz gelassen während wir Freiwillige etwas unruhig wurden, als Darya* nach einem Spaziergang im Winter ganz schrecklich weinte, weil ihr so kalt war. Doch Dennis* nahm seine kleine Schwester einfach auf den Arm, setzte sie auf die Heizung und ließ warmes Wasser über ihre Hände laufen. An seiner routinierten Art konnte man gut erkennen, wie oft er auf Darya* aufpasst und dann für sie verantwortlich ist.

Dies ist aber auch genau der Punkt, an dem unsere Arbeit ansetzt, denn bei unseren Besuchen werden Dinge möglich, die sonst oft auf der Strecke bleiben: Ausgiebiges Vorlesen, lange Spaziergänge, das neue Spielzeug gemeinsam zusammenbauen und ausprobieren… Schon des öfteren wurde am Ende des Tages dann protestiert: „Geht doch noch nicht!“ Und auch wenn der Abschied dann ein wenig schwer fällt, so ist es doch das schönste Lob für unsere Arbeit. (*Namen geändert)

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