Glaisin : Die Welt auf Platt beleuchtet

Natürlich gab es am Rande des Sängerkrieges auch Plattdeutsches zum Lesen.
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Natürlich gab es am Rande des Sängerkrieges auch Plattdeutsches zum Lesen.

Sängerkrieg amüsierte 100 Gäste: Nachdenkliches und Hintergründiges bei Veranstaltung der Gillhoff-Gesellschaft

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04. September 2017, 21:00 Uhr

Eine Tasse Kaffee, ein Stück Mandarinentorte und eine kräftige Portion mecklenburgische Mundart. Dieses kulinarisch-literarische Angebot ließen sich knapp 100 Zuhörer beim 20. Sängerkrieg der Johannes-Gillhoff-Gesellschaft und der Stiftung Mecklenburg am Sonntagnachmittag im Herrenhaus in Glaisin auf der Zunge zergehen.

Die Auftaktveranstaltung nach der Sommerpause wurde dank der Autorenbeiträge nicht zur Werbung für das Mekelborger Plattdütsch. Aktuelle Entwicklungen und Einschätzungen über Mensch und Natur erhielten durch die niederdeutsche Ausdrucksweise oft einen humorigen Ton, wobei ab und an beißender Sarkasmus mit mahnendem Zeigefinger mitschwang.

Durch das launige Programm führte der Polzer Hartmut Brun. Er selbst bot einen Vortrag über „seinen offenbar einfältigen Nachbarn Josef“, der vom Leben und seiner besseren Hälfte gebeutelt, sich bei einem Umtrunk überm Gartenzaun mit dem Autor vom den ihn überall verfolgenden Ungemach zu erholen versuchte. Stets hilfsbereit und auf ein friedliches Miteinander eingestellt, stoppte dieser Josef auf Bitten hin das Holzsägen an Sonntagen. Dafür nahm er das Rasenmähen in Angriff, schloss Brun seinen Vortrag sehr zum Amüsement der Zuhörer ab.

Der Sängerkrieg wurde von Anke Gohsmann aus Boizenburg mit einem plattdeutschen Lied eröffnet und beendet. Diese ruhigen Liedverse und die einfühlsamen Melodien standen ganz im Gegensatz zu den Vorträgen der niederdeutschen Autoren Heidelore Rumler aus Plate, Behrend Böckmann aus Kirch Rosin, Wolfgang Kniep aus Leisterförde, Wolfgang Mahnke aus Rostock, Jürgen Pump aus Kirchdorf und Jürgen Rogge aus Lübzow.

So rief Behrend Böckmann den fast goldgleichen Wert der Meckelborger Ananas, nämlich der Steckrübe, im Winter 1916/17 in Versen und flott vorgetragen in Erinnerung. Es waren Zeilen, die bei wohl den allermeisten Zuhörern, die den Zweiten Weltkrieg oder die ebenso bittere Nachkriegszeit miterlebt haben, Herz und Seele berührten.

Der Vortrag über „de Müs un de Tierpüschologie“ ließ nach den ersten Sätzen eine kindliche Geschichte über Mäuse und ihre Wesensarten erwarten. Stattdessen lenkte Autor Wolfgang Kniep den gedanklichen Blick auf menschliche Verhaltensweisen, wenn, wie bei Mäusen, zu viele Individuen sich in einem Gebiet aufhalten, sich langweilen und unter Stress radikalisieren – in plattdeutscher Sprache vorgetragen, konnte es schaurige Gänsehaut auslösen.

Ähnlich herb im Ton und in der Gedankenfolge beleuchtete Wolfgang Mahnke die aktuelle Entwicklung des Weltklimas unter dem Einfluss der Menschheit. Fiktiv bei der höheren Macht angefragt, was die bei einem Neustart niemals wieder erschaffen würde, meinte der Schöpfer auf Plattdütsch, dann nie mehr den aufrechten Gang einführen zu wollen.

Die vielen möglichen Masken einer Frau entlarvte dann Jürgen Rogge mit einer hintergründigen Aufzählung über weibliche Schönheiten und deren jeweiligen Vorzügen, denen ein Mann verfallen kann. Die bittere Erkenntnis daraus war für den beschriebenen Genießer, dass allein seine Ehefrau ihm ohne Maskerade, dafür mit aller Liebe und Stärke zur Seite gestanden hat. Eine Botschaft einer Art Metapher gleich, die Niederdeutsch wie Hochdeutsch trifft.

Die vorgetragenen Texte werden teilweise erst aktuell in neue Bücher der Autoren verarbeitet. Andere sind für den „Voß un Haas“-Kalender bestimmt. Weitere Informationen bei der Johannes-Gillhoff-Gesellschaft, Friedensstraße 5 in 19303 Polz, Telefon 038758/35426.


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