Bresegard bei Eldena : Die vergessene (Landes-)Straße

Renate Wiedow, Reinhard Andrich, Horst Fehrendt, Friedrich Güritz, Toralf Duwe, Karl-Heinz Ahrendt und Bürgermeister Eckhard Schulz haben es satt, immer wieder vertröstet und hingehalten zu werden.  Fotos: Neumann
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Renate Wiedow, Reinhard Andrich, Horst Fehrendt, Friedrich Güritz, Toralf Duwe, Karl-Heinz Ahrendt und Bürgermeister Eckhard Schulz haben es satt, immer wieder vertröstet und hingehalten zu werden. Fotos: Neumann

Bresegarder Ortsdurchfahrt befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Gemeinde wird mit den immer gleichen Aussagen hingehalten

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29. März 2016, 06:30 Uhr

Die jahrelangen Erschütterungen haben am Haus ihre Spuren hinterlassen. Ein Riss zieht sich durch die Fuge über dem Fenster. Weiter oben sind sogar Steine gerissen. Die Fensterlaibung wird von stabilen Hölzern gestützt. „Ich habe Angst, dass der Fenstersturz herunterkommt“, sagt Reinhard Andrich. Nur ein Problem von vielen, das die schlechte Ortsdurchfahrt den Bresegardern beschert. „Durchschlafen ist hier nicht mehr möglich“, sagt Renate Wiedow. Und Toralf Duwe ergänzt: „Am Tag ist ans Schlafen nicht zu denken. Wenn ich Nachtschicht habe, gehe ich zu meiner Schwiegermutter.“ Am schlimmsten sei es im Sommer, wenn die Traktoren fahren. „Wenn die Anhänger leer sind, hört es sich an, als würden sie seitlich liegend über das Pflaster gezogen werden.“

Die Straße, die vor dem Haus der drei Bresegarder vorbeiführt, ist eine Landesstraße. Die wohl schlechteste Landesstraße Deutschlands. Die Fahrbahn gleicht einer Hügellandschaft, die bei Regen zur Seenplatte wird. Am Rand haben die Wurzeln der Alleebäume Steine aus dem Pflaster herausgedrückt. Der Asphalt, der zur notdürftigen Reparatur flickenweise aufgebracht worden war, bröckelt auseinander. „Die Asphaltbrocken werden von den Fahrzeugen durch die Gegend geschleudert“, sagt Horst Fehrendt.

Der katastrophale Zustand der Straße ist der Straßenbauverwaltung und der Landesregierung längst bekannt. Mehrere Minister waren schon da, und bei einer Bürgersprechstunde im Januar 2013 wurde auch der Ministerpräsident informiert. „Aber ob die kommen oder nicht – es passiert doch nichts“, sagt Renate Wiedow. „Die halten uns nur hin.“

 Mehrfach wurden Gutachten in Auftrag gegeben, die Unsummen verschlangen, aber nie zum Straßenausbau geführt haben. Grundproblem ist der Widerspruch zwischen den Anforderungen des Straßenbaus und dem Schutz der knapp 60 Linden, für deren Fällung bislang keine Genehmigung zu bekommen ist. „Überall werden Bäume abgeholzt“, sagt Friedrich Güritz mit Blick auf umfangreiche Fällungen zum Beispiel in der Ludwigsluster Nummerstraße und am Bassin. „Nur in Bresegard geht es nicht.“

Untätigkeit will sich das Land aber  nicht vorwerfen lassen. Das Verkehrsministerium sieht es eher so: „Die Ortsdurchfahrt Bresegard ist einer der Fälle, die gerne zitiert werden, um zu belegen, dass Verwaltungen zu langsam sind oder dass Politik sich nicht kümmert“, reagiert Sprecher Steffen Wehner auf eine SVZ-Anfrage und listet auf, was Minister Christian Pegel (SPD) nach seinem Besuch in Bresegard im Juli 2014 alles unternommen hat. „Er wies die Straßenbauverwaltung an, eine Grobplanung zu erstellen, die alle denkbaren Pufferbereiche ausschöpft, um den Straßenbaurichtlinien zu genügen und dennoch ohne Fällungen eine regelkonform angelegte Straße zu bauen“, so Wehner. Es seien Suchschachtungen an den Linden beauftragt worden, um Möglichkeiten für einen Straßenbau möglichst ohne Beeinträchtigung der Wurzeln zu finden. Das habe viel Zeit beansprucht. „Ohne neue verbindliche Aussagen treffen zu können, war ein weiterer Termin des Ministers vor Ort nicht angebracht“, so Wehner. 2014 hatte Christian Pegel angeboten, Anfang 2015 wiederzukommen.

Doch nun gibt es offenbar Erkenntnisse. „Das Straßenbauamt Schwerin hat verschiedene Varianten entwickelt. Keine dieser Varianten lässt sich jedoch baulich so umsetzen, dass beide Baumreihen erhalten werden können“, erklärt Steffen Wehner. Damit sei ein Planfeststellungsverfahren unumgänglich. Wirklich neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht. Schon 2013 hatte der Leitende Verwaltungsbeamte von Ludwigslust-Land aus Schwerin die Information bekommen, dass ein Planfeststellungsverfahren nötig sei (SVZ vom 30. August 2013). Das Straßenbauamt solle die Gemeinde nun spätestens Anfang Mai über die Ergebnisse informieren, so Wehner.

Knackpunkt bleiben die Linden. „Einer Fällung aller Alleebäume werden wir nicht zustimmen“, betont Katharina Brückmann vom BUND MV gegenüber SVZ. Aber die Referentin für Baum- und Alleenschutz signalisierte auch Kompromissbereitschaft. „Die Straße ist in einem schlechten Zustand. Ich denke, dass es da Kompromisse geben muss und wird.“ Eine geringere Ausbaubreite mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h wäre ihr Vorschlag.

Horst Fehrendt kann den Streit um die Bäume nicht verstehen. Mit Blick auf bereits gefällte Linden sagt er: „Das ist doch längst keine Allee mehr.“ Das hat auch Katharina Brückmann bemerkt. „Ich habe mit Bestürzung festgestellt, dass es Lücken gibt, obwohl Gutachten den Bäumen eine gute Vitalität bescheinigt haben“, so die Referentin. „Das ist ungeheuerlich.“ Sie habe bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises um Einsichtnahme in Gutachten und Bewilligungsbescheide gebeten. Dort beteuert man, nichts damit zu tun zu haben. „Von uns hat es keine Fällgenehmigungen gegeben“, so Fachdienstleiter Jochen Krippenstapel. „Das muss im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht gelaufen sein.“ Zur Chance, jetzt Genehmigungen zu erteilen, um den Straßenausbau zu ermöglichen, könne er derzeit nichts sagen. Dazu müssten erst entsprechende Unterlagen vorgelegt werden. Zu den Fällungen in Ludwigslust betont er: „Das ist immer eine Einzelfallentscheidung.“

Die Untere Denkmalschutzbehörde hat ihre Entscheidung getroffen. Die Pflasterung der Bresegarder Dorfstraße mit Allee ist aus der Denkmalliste gestrichen worden. Die Alleebäume hätten zur teilweisen Zerstörung der Pflasterung geführt und seien mehrfach entfernt worden, heißt es in einem Schreiben des Landkreises von Februar 2016. „Dadurch ist das historische Erscheinungsbild erheblich beeinträchtigt worden.“ Die Untersuchungen der Bäume seien mit großflächiger Aufnahme des Pflasters und Eingriff in das Denkmal verbunden gewesen. „Dabei haben sich erhebliche Bedenken hinsichtlich des Erhalts des Baumbestandes ergeben“, heißt es weiter.

Wenn es tatsächlich nicht ohne Planfeststellungsverfahren geht, sollte es endlich eröffnet werden. Zeit ist  genug vertan worden – ob mit Untätigkeit oder nicht.

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