Mecklenburger Straßenmagazin : Die Straße gibt ihm Halt

Frank Hoffmann steht vor  dem  Plaza und hält die Dezemberausgabe des Magazins 'die straße' in der Hand. Hans Taken
Frank Hoffmann steht vor dem Plaza und hält die Dezemberausgabe des Magazins "die straße" in der Hand. Hans Taken

Manchmal wird Frank Hoffmann beschimpft. Sie nennen ihn Sozial-Schmarotzer oder Lauschepper. Doch Frank Hoffmann hält nicht die Hand auf. Dafür hält er etwas in der Hand. Es ist das Magazin "die straße".

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23. Dezember 2010, 05:47 Uhr

Ludwigslust | Manchmal wird Frank Hoffmann beschimpft. Sie nennen ihn Sozial-Schmarotzer oder Lauschepper, sagen, dass er die Hand aufhalte. Doch Frank Hoffmann hält nicht die Hand auf. Dafür hält er etwas in der Hand. Es ist das Magazin "die straße", eine 24-seitige Zeitung voller Geschichten, Reportagen und Interviews über und mit Menschen, deren Lebensumstände und Schicksale sie an den Rand der Gesellschaft gedrückt haben. Das Magazin wird auch verkauft von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, von Menschen wie Frank Hoffmann. Der Titel der aktuellen Ausgabe: "Der Schein trügt".

Frank Hoffmann steht immer dort, wo viel los ist. Vor dem Baumarkt toom, vor dem Discounter Aldi, oder, wie an diesem Tag, vor dem Einkaufszentrum Plaza. Es ist kalt, ein paar Grad unter Null. Immer wenn sich die elektronische Tür auf und zu schiebt, Menschen rein und raus gehen, dann dringt auch ein wenig Wärme aus dem gut beheizten Gebäude nach draußen. "Das tut ganz gut", sagt Frank Hoffmann und zupft sich seine Pudelmütze zurecht. An seiner dicken Fliesjacke hängt ein kleines Schild mit Lichtbild. "Die Leute sollen wissen, dass ich ihnen hier nicht irgendwelche Abos andrehen will, sondern offizieller Verkäufer der Straßenzeitung bin", erklärt Hoffmann. Seit zwei Stunden steht er jetzt dort, um das Magazin an den Mann zu bringen.

In der Weihnachtszeit werden mehr Hefte verkauft

Jetzt, in den Tagen vor Weihnachten, da nehmen ihm die Leute mehr Hefte ab als in anderen Monaten. 1,20 Euro kostet eine Zeitung, 60 Cent davon bekommt der Verkäufer. Im Monat kommt er so auf rund 100 Euro. Ein Extrageld, dass der Bezieher von Arbeitslosengeld I nebenbei mit einem Mini-Job verdienen darf. Ein Extrageld, das Frank Hoffmann, verheiratet und Stiefvater von drei Kindern, gut brauchen kann. "Ohne, da würde es finanziell noch enger werden", sagt er. Und er sagt, dass das Nichtstun ihn wieder dorthin bringen könnte, wohin er nie mehr zurück will: zum Alkohol.

In Bad Frankenhausen in Sachsen-Anhalt geboren, in Waren aufgewachsen, kommt er in den 70er-Jahren in den Landkreis Ludwigslust. Er besucht zehn Jahre lang die Schule, macht eine Ausbildung zum Fliesenleger, bevor er sich noch zum Facharbeiter für Holzwerkstoffe qualifiziert. Nach der Wende arbeitet er in der Landwirtschaft, melkt Kühe, nabelt Ferkel ab und bürstet Pferde. Arbeit ist ihm wichtig, der Alkohol mittlerweile auch. Schon nach der Lehre fing es an. Erst hat er getrunken, irgendwann gesoffen. Eine Flasche Schnaps stand immer neben seinem Bett, in einer Wohnung, in der fast durchgängig die Rollläden heruntergelassen waren. Ist es Tag, ist es Nacht? Egal, Hauptsache, es war etwas zu trinken in der Nähe. Der Alkohol kostet ihm irgendwann den Job, sein Chef entlässt ihn. Die Hände zittern, er isst kaum, der Körper rebelliert. Geht es weiter so, dann geht es nicht mehr lange. "Ich habe aufgehört, von einem Moment zum anderen", sagt Hoffmann, spricht dann vom 19. Dezember 1995, seinem ersten Tag ohne Alkohol. Keine Entgiftung, keine Langzeittherapie, aber ständiger Kontakt zum Suchthilfezentrum Ludwigslust. Er geht in die Selbsthilfegruppe Blaues Kreuz, kämpft bis heute erfolgreich gegen den Alkohol an und hat immer wieder feste Jobs in der Landwirtschaft. Doch seine Arbeitskraft wird nicht durchgängig gebraucht. Fünf, sechs Mal meldet er sich arbeitslos, verdient sich immer in diesen Phasen seit zehn Jahren etwas mit der Straßenzeitung dazu. Die Aussicht auf feste Arbeit ist seit dem vergangenen Jahr rapide gesunken. "Die Ärzte diagnostizierten bei mir einen Bandscheibenvorfall und Arthrose", erzählt Hoffmann. Mehr als zehn Kilo darf er nicht mehr tragen. Dass er arbeitsunfähig geschrieben wird, das glaubt er nicht. Nur, wo sind die Tätigkeiten, die er, der nicht mehr zupacken kann, mit seinen Qualifikationen machen kann? Hoffmann weiß es nicht, aber er hofft, dass er irgendetwas finden wird.

Manchmal wird Frank Hoffmann gelobt. Sie nennen ihn den freundlichen Mann, der immer ein nettes Wort auf den Lippen hat. Manchmal reden sie mit ihm, fragen, wie es ihm geht und wollen wissen, was für Themen diesmal in der Straßenzeitung sind, die er in der Hand hält. Diesmal ist ein Interview mit dem Schriftsteller Peter Ensikat dabei. Es trägt die Überschrift: Trügt der Schein?

15 Jahre „die Straße“ – ein Projekt für Menschen in sozialer Not

Herausgeber des Magazins „die straße“ ist die Evangelische Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern gGmbh sowie der JOB Tafel und wird unterstützt von der Arge. Das Magazin gibt es seit 15 Jahren und wird in Schwerin, Ludwigslust/Grabow, Wismar und Güstrow von insgesamt 25 Verkäufern angeboten. Erscheinungsdatum ist alle zwei Monate, die Auflage variiert zwischen 6000 und 7500. Ein Heft kostet 1,20 Euro, davon sind 60 Cent für den Verkäufer. Das Redaktionsteam besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeitern.

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