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Ludwigsluster Tageblatt

21. November 2017 | 15:06 Uhr

Muchow / minsk : Die Schönheit liegt im Detail

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Pauline Hegner aus Muchow berichtet von ihren Eindrücken und Erlebnissen bei ihrer Arbeit in einem Kinderhospiz in Minsk

Pauline Hegner ist 18, hat ihr Abitur am Ludwigsluster Goethe-Gymnasium gemacht und schickt sich nun an, die Welt zu entdecken. Bevor die junge Frau ihr Studium antritt, ist sie für ein Jahr nach Weißrussland gegangen. In der Hauptstadt Minsk arbeitet Pauline Hegner in einem Kinderhospiz. In zwei Beiträgen für die SVZ hat sie ihre bisherigen Erlebnisse geschildert, nun folgt der dritte.

„Meinen letzten Artikel beendete ich mit dem Satz ,… ich freue mich sehr, dass noch elf Monate vor mir liegen, in denen ich die Menschen hier näher kennenlernen kann.’

Und nach den letzten Wochen kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich mich auf dem richtigen Weg dorthin befinde. Meine Arbeit für das belarussische Kinderhospiz geht mir zunehmend leichter von der Hand, vor allem in den Familien, die ich regelmäßig (d. h. einmal wöchentlich) besuche. Ich kenne die Kinder dort mittlerweile gut und weiß meistens, was sie gerade brauchen. Da gibt es zum Beispiel Boris*, den es ungemein beruhigt, wenn man ihm über die Oberlippe streichelt.

Oder Darya*, die es liebt, im Wald spazieren zu gehen – normalerweise sitzt die Vierjährige nur widerwillig selbstständig aufrecht, doch im Wald betrachtet sie meist ganz fasziniert die Bäume über ihr. Ich werde oft gefragt, ob mir die Arbeit mit schwerkranken Kindern nicht schwer fällt, kann dies aber klar mit Nein beantworten.

Es mag zunächst vielleicht so scheinen, dass man relativ wenig von ihnen zurück bekommt, vor allem, weil viele nicht sprechen können – allerdings lernt man dadurch, Kleinigkeiten wie ein Lächeln erst richtig zu schätzen und als Lob für seine Arbeit anzunehmen. Die Schönheit im Detail zu suchen und außerdem Unterschieden zu Deutschland mit Humor und offenen Herzens zu begegnen, lerne ich auch durch meine Reisen in Belarus. Den letzten Monat habe ich auch dazu genutzt, meine „Heimat auf Zeit“ genauer unter die Lupe zu nehmen. Gemeinsam mit meinen beiden deutschen Mitfreiwilligen reiste ich zum Schloss Mir, das heute sogar zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Der Zug dorthin bot zwar viel zu wenig Sitzplätze, dafür aber einen Akkordeonspieler und eine ältere Frau, die selbstgemachte Teigtaschen verkaufte.

Ein paar Wochen später besuchten wir gemeinsam mit einem Minsker Freund das Heimatmuseum Dudutki, wo die traditionellen belarussischen Handwerke und die frühere Lebensweise gezeigt werden. Dazu gehört selbstverständlich auch die Alkoholherstellung, der dann zu jedweder Tageszeit (bei uns war es morgens um halb elf) mit den Besuchern verkostet wird.

Dass die Zeit hier anders zu vergehen scheint, bemerkten wir außerdem bei unserem Ausflug zur Brester Festung. Brest war bzw. ist eine der 13 Heldenstädte der Sowjetunion, da zu Zeiten der deutschen Okkupation ganze sechs Wochen lang Partisanenkämpfe in der Stadt tobten. Der Patriotismus gehört hierzulande allerdings keineswegs der Vergangenheit an. So werden die übergroßen Denkmäler stets militärisch bewacht und auf unserer Rückfahrt im Zug trafen wir sogar auf junge Soldaten, die uns stolz ihre Uniformen und Orden präsentierten.

Dieser Stolz auf das Vaterland hat jedoch keinesfalls zur Folge, dass wir als Deutsche auf negative Reaktionen stoßen – ganz im Gegenteil. Belarus ist als Land touristisch kaum erschlossen und so stellen wir als Ausländer geradezu eine Attraktion dar. Schon mehrmals wurden wir auf der Straße angesprochen und um ein Foto gebeten, dass sie „später noch ihren Enkeln zeigen werden“. So mögen die Belarussen manchmal etwas verschroben erscheinen, in jedem Fall sind sie aber äußerst liebenswürdig und ihr Land ist definitiv eine Reise wert.
* Namen geändert




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