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Neustadt-Glewe : Die Orgel ist sein „Arbeitsplatz“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Tapeziermeister Jürgen Schulz ist nicht aus der Stadtkirche St. Marien in Neustadt-Glewe wegzudenken

von
erstellt am 28.Jan.2017 | 09:00 Uhr

Einen Sonntagvormittag daheim im Sessel zu verbringen, dass kann sich Jürgen Schulz nicht vorstellen. Denn trotz seiner nunmehr 80 Lebensjahre zieht es den Neustädter sonntags um 10.30 Uhr an seinen „Arbeitsplatz“: Die Orgel in der Stadtkirche „St. Marien“ zu Neustadt-Glewe. Seit vielen Jahrzehnten ist er hier Organist. „Früher waren wir zu dritt, doch seit rund 40 Jahren spiele ich das Instrument ganz allein“, sagt Jürgen Schulz.

Pastorin Silke Draeger überbrachte „ihrem“ Organisten dieser Tage die Glückwünsche zum 80. Geburtstag. „Wir freuen uns, dass wir ihn haben. Er ist sehr zuverlässig und spielt nicht nur zu den Gottesdiensten, sondern auch beispielsweise bei Trauungen.“ Für Jürgen Schulz, der seit seiner Geburt, wie er sagt, zur Neustädter Kirchengemeinde gehört, begann die Sache mit dem Orgelspiel eher ungewöhnlich.

Jürgen Schulz: „Dank meiner Lehrerin hatte ich mich schon als Kind für Musik interessiert. Während meiner Lehrzeit dann musste ich immer mittwochs nach Parchim zur Berufsschule. Nach dem Unterricht hatte ich zwei Stunden Zeit, bis der Zug nach Neustadt fuhr. Bei der Warterei hörte ich dann stets das Orgelspiel in der Georgenkirche und war fasziniert. Also ging ich eines Tages zum Kantor in Parchim und fragte ihn, ob ich Orgelunterricht nehmen könne.“

Was auch klappte. Das Ganze endete für Jürgen Schulz mit der an der Schweriner Dom-Orgel bestandenen Prüfung. „Die sogenannte D-Prüfung war aber wirklich nur für einfache Anforderungen gedacht“, meint Jürgen Schulz bescheiden.

Die Orgel in der Neustädter Kirche stammt von 1873 und entstand in der Wismarer Filiale des Orgelbaubetriebs Mehmel. „Sie hat einen wundervollen Klang, zumal die Akustik in unserer Kirche auch toll ist“, schwärmt Jürgen Schulz. Seinen „Arbeitsplatz“ an der Orgel hat er sich eingerichtet. Dazu gehört auch ein kleiner Heizkörper. „Sonst wäre es im Winter ganz schön kalt“, lacht Jürgen Schulz.

Doch er ist vielen Neustädtern nicht nur als Organist bekannt. Der gelernte Tapeziermeister übernahm am 1. Januar 1970 von seinem Vater Otto in der Breitscheidstraße dessen Polsterei, in der er zuvor schon gearbeitet und gelernt hatte. Noch heute dürften in Wohnzimmern der Region Polstergarnituren und Einzelmöbel stehen, die im Privatunternehmen Schulz entstanden. Sein Meisterstück aus dem Jahr 1960 hat Jürgen Schulz immer noch. In einem der Zimmer steht ein Sessel, der im Laufe der Jahre zwar neue Bezüge bekam, trotzdem aber seine Besonderheit auch heute noch aufweist: Ein vorgetäuschtes Kissen auf der Sitzfläche. „Diese sogenannte Fassonkante war damals nicht üblich, die habe ich erfunden“, lacht Jürgen Schulz. „Sie hat sich aber 100-prozentig bewährt.“ Die Linienführung des Holzrahmens hat sich Jürgen Schulz selbst ausgedacht. „Wir haben früher die Holzrahmen meist selbst entworfen, die Zeichnungen dann zum Tischler gebracht, der die Gestelle baute. Die Polsterarbeiten haben wir dann natürlich wieder ausgeführt“, so Jürgen Schulz.

Seine gründliche Ausbildung kam ihm auch nach der Wende zugute. „Zunächst hatte ich im Juni und Juli 1990 schlaflose Nächte, weil die Kundenbestellungen wegbrachen“, erinnert er sich. „Doch dann kam die ganze Breite meines Berufs zum Tragen. Plötzlich nämlich eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten weil Material, das zu DDR-Zeiten knapp war, nun vorhanden war.“

Jetzt kam der neue Begriff „Raumausstatter“ aus dem Westen rüber. Und ein weites Betätigungsfeld. Jürgen Schulz: „Es gab die unterschiedlichsten Teppiche und andere Fußbodenbelege, Gardinen und was weiß ich noch alles.“ Aus dem anfänglichen Bangen um die Zukunft wurde Gewissheit, es zu schaffen.

Auch wenn er inzwischen Rentner ist, zurückgezogen aus dem gesellschaftlichen Leben hat sich Jürgen Schulz noch längst nicht.

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