Ludwigslust/Parchim : Die Chancen für den Kreis nutzen

Burkhard Thees und Heiko Böhringer (v.l.) vor der Kultur-Mühle: Es ist unser Theater im Landkreis.
Burkhard Thees und Heiko Böhringer (v.l.) vor der Kultur-Mühle: Es ist unser Theater im Landkreis.

Schubkraft des Turbo-Internets und Südbahn 2030: Burkhard Thees und Heiko Böhringer von der FDP/AfL-Kreistags-Fraktion im Gespräch

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14. September 2017, 17:35 Uhr

Sie gehört zu den kleineren Fraktionen im Kreistag, fällt aber schon mal mit überraschenden Vorschlägen auf, die zunächst belächelt werden. Die FDP/AfL (Alternative für Ludwigslust) preschte schon vor drei Jahren vor und wollte den Landkreis zum Pionierland für autonomes Fahren machen. Jetzt gibt es so etwas in Bayern. Redakteur Udo Mitzlaff sprach mit Fraktions-Vize Heiko Böhringer (AfL) und Burkhard Thees (FDP) über Zukunftsperspektiven für den Landkreis.

Südbahn, Feuerwehren, Kultur-Mühle Parchim: Immer macht der Altkreis Parchim Stress. Wie sehen Sie es als Neu Kalisser und als Ludwigsluster?
Burkhard Thees: Schon in der Enquete-Kommission zur Vorbereitung der Kreisgebietsreform war klar, dass es Konfliktpotenzial geben wird. Wenn wir zusammenwachsen wollen, müssen wir uns dem stellen. Wir sehen zum Beispiel das Theater nicht auf Parchim bezogen, es ist unser Theater im Landkreis. Wir wollen da vorankommen und sind jetzt auf dem richtigen Weg. Nach außen sollten wir gemeinsam auftreten. Bei der Südbahn ist es ähnlich. Wenn es eine bezahlbare Möglichkeit für die Zugverbindung gibt, sollten wir sie unterstützen.
Heiko Böhringer: Ich sehe die Diskussion als Chance, nicht nur primär über den ÖPNV zu sprechen. Wir sehen auf der B 191 viele Lastzüge aus Stettin, die Richtung Mitteldeutschland unterwegs sind. Eine Bahnverbindung Stettin – Ludwigslust könnte als rollende Landstraße den Lkw-Verkehr aufnehmen. Das wäre dann eine Südbahn 2030. Bisher wird mein Vorschlag für das Regionale Raumentwicklungskonzept süffisant belächelt.

Trotz Kreisentwicklungskonzept: Denkt die Kreispolitik zu kurz?
Böhringer: Mehr Kreativität in der Kreispolitik tut immer gut.

Kreativität scheint nötig, um den Konflikt über die Zukunft der Feuerwehrausbildung und die Standorte der Technischen Zentralen zu lösen. Haben Sie noch Verständnis für diesen Streit?
Böhringer: Allemal. Es sind ja die Kameraden aus Plau, von denen man im Falle der Schließung von Dargelütz fordert, noch mehr Freizeit zu opfern. Das ist unanständig.
Thees: Man kann über alle Varianten reden. Die nach jetzigem Stand Benachteiligten sitzen aber nun einmal in der Region Parchim. Wir müssen jetzt schnellstens noch in diesem Jahr zu einer Entscheidung kommen.

Wie weiter? Hilft eine Vollversammlung der Feuerwehren? Ist der Verband zu groß?
Böhringer: Man muss sich der Sache stellen. Eine Vollversammlung bringt ein Votum. Der Kreisfeuerwehrverband ist ein Paradebeispiel dafür, was diese Fusionsspielereien anrichten. Was gerade bei den Feuerwehren passiert, ist ein Warnschuss für die Gemeindefusionen.
Thees: Wir wollten diese Kreisgebietsreform nicht, man kann doch die ehrenamtlichen Kameraden nicht immer von A nach B schicken. Wir müssen jetzt aber zusammenarbeiten und eine Linie für Investitionen im Haushalt 2018 finden. Das wäre ein Signal für Feuerwehrleute: Wir haben Geld für eure Zukunft.

Wer gibt die Richtung vor?
Böhringer: Die Feuerwehr soll sagen, was sie braucht.
Thees: Darauf sollten wir hören. Wir verärgern sie sonst immer mehr.

Feuerwehren und Infrastruktur kosten Geld. Sind Investitionen angesichts zurückgehender Einwohnerzahlen noch sinnvoll?
Böhringer: Natürlich. Entwicklungschancen für den ländlichen Raum sind die Triebkraft für die ganze Region. Wir haben eine Marketingkampagne „Arbeiten und Wohnen im Grünen“ gefordert. Mit der flächendeckenden Breitband-Versorgung ergeben sich völlig neue Chancen. Neue technische Möglichkeiten helfen, den ländlichen Raum zu besiedeln. Ein Ingenieurbüro könnte aus einem Ballungszentrum ins Dorf umsiedeln. Hier gibt es eine intakte soziale Infrastruktur. Das ist die Renaissance des ländlichen Raums.
Thees: Wenn Leben im Dorf ist, haben Ärzte eine Perspektive, eine Praxis zu eröffnen.

Gut bezahlte Jobs?
Böhringer: Die Wirtschaftsförderung im Landkreis konzentriert sich auf das verarbeitende Gewerbe. Es fehlen wissensbasierte Jobs. Wir haben einen Abfluss von Fachwissen.

Also sollten wir jetzt keine Infrastruktur zurückbauen?
Thees: Wo wir noch Einfluss haben, sollten wir den ländlichen Raum stärken, zum Beispiel die Sparkassenstruktur aufrechterhalten. Wir müssen jetzt etwas für die Zukunft tun.

Das tut der Kreis ja, er hat gerade die Entsorgung in Teilbereichen verstaatlicht...
Böhringer: Der Kreis sollte sich um Rahmenbedingungen kümmern. Hier wird in ein funktionierendes System eingegriffen.
Thees: Wir haben 25 Jahre mit den Partnern in der Wirtschaft gut zusammengearbeitet. Wir müssen den Weg jetzt prüfen, aber bitte mit Zahlen.

Arbeiten und Wohnen im Grünen klingt gut. Aber da sind hunderte Windräder...
Böhringer: Wir sind nicht gegen Windkraft, aber dagegen, wie es jetzt gemacht wird. Wir sollten die nächsten Jahre nur noch Ersatz, also Repowering, mit notwendigem Abstand zu Siedlungen zulassen. Den jetzigen „Wildwuchs“ kann man in der Zukunft damit entgegnen, wenn in der gesamten Planungsregion an einer Stelle nur ein einiges Cluster entsteht, wo konzentriert die Anlagen stehen. Die dort Betroffenen werden entschädigt, so wie wir es von der Kohle kennen.
Thees: Die Menschen fragen sich, was sie persönlich davon haben. Solaranlagen mit Ladestellen für E-Autos bringen da mehr als Windräder.

Ist die Kommunalpolitik auf Kurs, es scheint momentan kabbeliger zuzugehen...
Böhringer: Eine Idee zu entwickeln, kostet Kraft. Wenn man aber mehr Kraft braucht, sie gegen Widerstände im Kreis durchzusetzen, ist da etwas in Schieflage gekommen.
Thees: Und wir sollten nicht vergessen: In der Politik muss es menschlich zugehen und sie darf auch Spaß machen.

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