Schulwerkstatt Parchim : Der lange Weg zurück in die Klasse

Petra Bahl, Alla Schmoll und Manuela Herm (v. l. n. r.)  sind in der Schulwerkstatt Parchim tätig.
Petra Bahl, Alla Schmoll und Manuela Herm (v. l. n. r.) sind in der Schulwerkstatt Parchim tätig.

Die Schulwerkstatt in Parchim reicht Kindern und Jugendlichen die Hand, die sich dem regelmäßigen Unterricht seit langem verweigert haben

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04. Juli 2014, 12:00 Uhr

Wenn Petra Bahl und Alla Schmoll morgens in ihre Klasse kommen, dann sagt ihnen schon nach wenigen Augenblicken das Bauchgefühl ziemlich zuverlässig, ob an diesem Tag etwas geht oder nicht. Auch die Momente, in denen von einer Sekunde zur anderen die Stimmung kippt und an Deutsch oder Geschichte nicht mehr zu denken ist, sind ihnen nur zu gut vertraut. Petra Bahl und Alla Schmoll sind Lehrerinnen in der Schulwerkstatt. Die neun Schüler zwischen 12 und 16 Jahren, die hier in einer kleinen Gruppe unterrichtet werden, haben vor allem eines nicht: Bock auf Schule. Und das können sie drastisch zur Schau stellen, obwohl es hinter der Fassade um das Selbstwertgefühl meist nicht gut bestellt ist. Warum sie zu Schulverweigerern wurden, dafür gibt es viele Gründe: Mobbing, ein zerrüttetes Zuhause zum Beispiel. Nicht selten hat es schon die ersten Konflikte mit dem Gesetz gegeben. Erst kürzlich musste ein Schüler sogar ein Wochenende im Arrest verbringen. Ein anderes Kind machte irgendwann dicht, nachdem es den elften (!) Umzug in zehn Lebensjahren hinter sich hatte, folglich nie die Chance bekam, irgendwo Fuß zu fassen.

Die Schulwerkstatt Parchim reicht diesen Kindern und Jugendlichen seit mittlerweile 15 Jahren die Hand. Sie kommen aus dem gesamten Altkreis Parchim, teilweise sogar aus Schwerin, Ludwigslust oder Neustrelitz. Vier von ihnen leben in Heimen oder Wohngruppen. Das Maximalziel ist die erfolgreiche Reintegration in den Regelunterricht oder der erfolgreiche Übergang in berufsvorbereitende Maßnahmen. Der Weg dahin ist lang, steinig und mit regelmäßigen Rückschlägen gepflastert, vor allem bei Schülern, die schon eine jahrelange Verweigererkarriere hinter sich haben. „Oftmals ist es dann leider wirklich zu spät“, plädiert Petra Bahl dafür, dass dieses Bildungsangebot tatsächlich bereits in der 5. oder 6. Klassenstufe greifen sollte, um die Erfolgschancen zu erhöhen.

Mittlerweile seit 14 Jahren als Lehrerin an der Fritz-Reuter-Schule in Parchim tätig, entschied sich Petra Bahl vor vier Jahren freiwillig, in der Werkstatt zu unterrichten, die auch organisatorisch der Reuterschule angegliedert ist. „Ich wollte das machen.“ Und sie steht immer noch dazu, dass es „eine schöne wie schwere Arbeit gleichermaßen ist.“

Ganz bewusst findet der Unterricht in einem Umfeld statt, das meilenweit von einem Schulhof entfernt ist. Doch „Schulgesetze“ gelten auch in den Räumlichkeiten des Kinder-, Jugend- und Familientreffs in der Leninstraße: Oberstes Gebot ist die Einhaltung von miteinander vereinbarten Regeln und Normen. Feste Strukturen, die Halt und Stabilität geben, wie die tägliche Morgenrunde, sind das A und O. Der Versuch, eine Unterrichtsstunde 45 Minuten durchzuhalten, ist jeden Tag aufs Neue ein erklärtes Ziel. Die sozialpädagogische Betreuung übernimmt das gemeinnützige Diakoniewerk Kloster Dobbertin als Träger der freien Jugendhilfe. Vor allem im Bereich der emotionalen und sozialen Kompetenz ist der Förderbedarf dieser Schüler enorm. Petra Bahl stehen heute mit Alla Schmoll eine weitere Kollegin ihrer Schule, mit Manuela Herm und André Czutor zwei Sozialarbeiter sowie mit Christoph Holz ein Praktikant zur Seite. Diese Zusammenarbeit funktioniere ausgezeichnet. Als Schwerpunktfächer stehen Deutsch und Mathe, außerdem Geschichte, Geographie, Biologie, Kunst, Sport, Werken und AWT mit Schwerpunkt Berufsorientierung auf dem Stundenplan. Zum Netzwerk der Partner gehören u. a. der Jugendförderverein Parchim-Lübz, Salo & Partner, das Berufsfortbildungswerk (BfW), Suhnes Kradshop sowie die Werkstatt des Kinder-, Jugend- und Familientreffs. In diesen Tagen wollen die Schüler die Hansa Baustoffwerke besuchen. Es gibt Tests, Zensuren, auch gemeinsame Unternehmungen wie in den Kletterwald oder in die Schau(m)anufaktur nach Grabow. Und am kommenden Freitag werden auch in der Schulwerkstatt Zeugnisse vergeben. Einen Schüler wird Petra Bahl sogar nach drei Jahren mit einem guten Gefühl aus der Obhut der Schulwerkstatt entlassen können. Er hat den Übergang gemeistert und wird in die achte Klasse versetzt. „Er hat das Zeug, es zu schaffen“, machen ihm Lehrer und Sozialarbeiter ihm Mut.


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