Ludwigslust : Der hohe Ton der Zielscheibe

Heinz Jauert (l.) lädt das Luftdruckgewehr für seinen Schützenfreund Detleff Bauer nach.
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Heinz Jauert (l.) lädt das Luftdruckgewehr für seinen Schützenfreund Detleff Bauer nach.

Eine akustische Zusatzvorrichtung für kleinkalibrige Waffen ermöglicht sehbehinderten Schützen in Ludwigslust das Schießen

svz.de von
29. März 2016, 21:00 Uhr

„Wenn die Leute erfahren, dass ich Mitglied im Schützenverein bin, fragen sie meistens ‘Hast du einen Vogel? Was willst du denn da?’“, erzählte Detleff Bauer. Der 65-Jährige ist auf beiden Augen fast völlig erblindet. Umrisse kann er noch erkennen, aber keine Details, denn der Ludwigsluster leidet unter Retinitis Pigmentosa, eine Krankheit, bei der es zum Absterben der Netzhaut kommt. Nichtsdestoweniger ist Detleff Bauer seit etwas über einem Jahr Mitglied im Ludwigsluster Schützenverein, in dem er auch regelmäßig schießt und an Wettkämpfen teilnimmt.

Möglich ist das durch eine spezielle Akustik-Vorrichtung, Optronic genannt, die es Sehbehinderten ermöglicht ihr Ziel zwar nicht zu sehen, aber zu hören. Die Optronic wird auf ein Luftdruckgewehr oder ein KK-Gewehr montiert und verfügt über einen Sensor. Dieser tastet die von außen nach innen heller werdende Zielscheibe ab. Je heller die Zielscheibe wird, desto höher ist die geschossene Punktzahl und desto höher wird auch der Ton, den der (sehbehinderte) Schütze über die angeschlossenen Kopfhörer wahrnehmen kann. „Wenn der Ton am höchsten ist, muss man den Abzug betätigen“, erklärte Heinz Jauert, Schatzmeister des Schützenvereins Lindenstadt Ludwigslust.

Insgesamt sieben sehbehinderte bzw. blinde Mitglieder hat der seit 1990 bestehende Verein. Eingeführt wurde das Schießen mit Optronic dort vor etwa einem Jahr. Die akustische Zusatzvorrichtung ist jedoch nicht günstig. 1300 Euro kostet sie. „Die Kosten dafür wollten wir jedoch nicht unseren Mitgliedern aufbürden“, erzählte Heinz Jauert. Aus diesem Grund beantragte der Verein die finanziellen Mittel für die Anschaffung der technischen Hilfe bei der Aktion Mensch. „Das hat eine ganze Weile gedauert, weil wir so viele Formulare dafür einreichen mussten. Aber letztlich haben wir das Geld für die Optronic bewilligt bekommen“, freute sich der Schatzmeister. Der Verein sei der einzige in Mecklenburg-Vorpommern, der über eine solche Zusatzvorrichtung verfügen würde. Aus diesem Grund fahren Heinz Jauert und seine Schützenkollegen zu landesweiten Veranstaltungen, um das Schießen mit der akustischen Vorrichtung bekannter zu machen.

Auch von den Vereinsmitgliedern seien Detleff Bauer und die sechs anderen sehbehinderten Mitglieder sehr gut aufgenommen wurden. Ab und zu gäbe es noch Berührungsängste, so der Ludwigsluster. „Manchmal wissen wir oder die anderen Mitglieder nicht genau, wie wir aufeinander zugehen oder miteinander umgehen sollen“, sagte Detleff Bauer. „Das ist einfach ein Lernprozess“, ergänzte Heinz Jauert. Dass die Mitglieder dennoch füreinander da sind, zeigte Heinz Jauert deutlich. Der 65−Jährige lud das Luftdruckgewehr für das Optronicschießen nach und half seinem Vereinskollegen damit, die Gewehrstütze zu justieren. „Blinde Schützen dürfen nicht alleine schießen“, erklärte er im SVZ-Gespräch. Es müsse immer ein Begleiter dabei sein.

Trotzdem - Detleff Bauer freut sich, dass er wieder schießen kann. „Ich war früher ein guter Schütze, auch in der Armee, aber dann ging es ja nicht mehr. Ich bin noch etwas verkrampft beim Schießen mit der Optronic, aber es macht Spaß“, erzählte der 65-Jährige. „Es ist noch kein Schütze vom Himmel gefallen... und ein Meister erst recht nicht“, witzelte Bauer. Doch obwohl der Ludwigsluster meint, beim Optronic-Schießen verkrampft zu sein, gewann er am vergangenen Donnerstag den ersten Platz beim Ostereierschießen.

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