Brunow : Der erste Lehrling ist heute Chef

Vertauschte Rollen: Daniel Blohm (li.) ist heute Chef im Brunower Bauunternehmen Dieter Page. Der sechzigjährige Dieter Page (re.) tritt kürzer und arbeitet nur noch auf 450-Euro-Basis.
Vertauschte Rollen: Daniel Blohm (li.) ist heute Chef im Brunower Bauunternehmen Dieter Page. Der sechzigjährige Dieter Page (re.) tritt kürzer und arbeitet nur noch auf 450-Euro-Basis.

Daniel Blohm ging bei Dieter Page in die Lehre - 21 Jahre später wird er Geschäftsführer und damit der Chef seines „alten“ Chefs

von
27. Juni 2015, 07:00 Uhr

Was macht ein Geschäftsführer so kurz vor der Rente mit seinem Unternehmen, wenn keines der vier Kinder die Firma übernehmen will? Wenn sich auch sonst keiner findet, der bereit ist, aufs Land zu gehen und dort eine Baufirma zu leiten? Abmelden. Einpacken. Schließen. „Da gibt es wohl nicht viele Alternativen“, sagt Dieter Page. Es sei denn man hat Mitarbeiter wie Daniel Blohm.

Schon als Schüler hatte Daniel Blohm in den Ferien auf einer Baustelle von Dieter Page gejobbt und Steine gestapelt. „Als ich hörte, ich könnte in dem Betrieb als erster Maurerlehrling anfangen, war klar, dass ich das mache“, sagt der Dambecker. „Aber wer hätte denn damals daran gedacht, dass es mal soweit kommt...?“ Heute, 21 Jahre später, sitzt Daniel Blohm auf dem Stuhl von Dieter Page. Angebote ausfüllen, Material bestellen, Abrechnungen schreiben, Kundengespräche führen, Bauberatungen leiten – das alles ist jetzt seine Aufgabe. Sein ehemaliger Chef lässt sich nur noch zehn Stunden in der Woche blicken. „Ich arbeite hier auf 450-Euro-Basis“, sagt Page. Früher war Page der, der morgens als erster kam und abends als letzter ging. Die Firma war sein Leben. Gemeinsam mit seiner Frau Gesine brachte er den Betrieb durch Höhen und Tiefen.

Selbstständig machte sich Dieter Page vor 25 Jahren am 1. Juli, dem Tag der Währungsunion. Mit einem Anhänger am Trabi, einem Mischer und ein paar Schubkarren. Die ersten Aufträge waren überschaubar: hier ein Windfang, da eine Terrasse, dort einen Anbau. „Unser Radius ging nicht über 20 Kilometer hinaus“, sagt Page. „Ich dachte damals, hier gibt es so viel zu bauen. Das reicht bis an mein Lebensende.“ Nach zwei Jahren werden die Aufträge größer, die Entfernungen weiter, und 1997 beschäftigt das kleine Bauunternehmen 26 Mitarbeiter. Die Brunower bauen jetzt Eigenheime in Schwerin und Berlin, sanieren die Alte Post in Neustadt-Glewe, erhalten Aufträge für die Awo-Kita in Boizenburg, die Filterhalle vom Wasserwerk in Ludwigslust oder die Kirche in Klüß. Für die Gutshaussanierung in Rogeez setzt der Chef seinen Maurergesellen Daniel Blohm erstmals als Vorarbeiter ein. Blohm wird Polier und absolviert später einen Meisterlehrgang. Da wünscht sich Dieter Page Blohm schon längst als seinen Nachfolger. „So ein Wechsel funktioniert nur, wenn man Vertrauen hat und sich aufeinander verlassen kann“, sagt Page. An seinem 60. Geburtstag verkauft der Unternehmer seinen Betrieb an seinen Mitarbeiter. Blohm wird alleiniger Gesellschafter und teilt sich die Geschäftsführung mit Pages Frau Gesine. „Für mich ist das ein Glücksfall“, sagt Blohm. „Ich fange nicht bei Null an, kann die guten Kundenkontakte nutzen und auf geschäftliche Verbindungen zurückgreifen.“

Und der alte Chef Page? „Der kann inzwischen gut loslassen“, sagt seine Frau. „Anfangs hat er sich nicht in seinen Garten getraut, solange die Maurer noch auf dem Bau waren.“ Inzwischen sei er da „sehr tiefenentspannt“. Und das Beste: Endlich könnten sie zu zweit Urlaub machen. Ohne Zeitdruck und mit dem Gefühl: Die Firma ist in guten Händen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen