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Ludwigsluster Tageblatt

19. Oktober 2017 | 14:59 Uhr

Ludwigslust : Der Barbier im Lindencenter

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Der Syrer Marwan Ahmad arbeitet seit September in Ludwigsluster Friseurgeschäft und begeistert die Kunden.

svz.de von
erstellt am 03.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Bartrasur mit dem heißen Messer, Augenbrauen und Gesichtshaare mit dem Bindfaden zupfen, Kopf- und Gesichtsmassagen – all das ist nur ein Teil des Friseurhandwerks, das Marwan Ahmad beherrscht. Seit September 2016 arbeitet der Syrer im Friseurgeschäft Klier im Lindencenter Ludwigslust und begeistert sowohl männliche als auch weibliche Kunden mit seinem Können.

Manuel Düde aus Göhlen lässt sich zum ersten Mal professionell seinen Bart rasieren, trimmen und pflegen. Mit Präzision kontrolliert der gelernte Friseur Marwan Ahmad, ob alle Kanten symmetrisch sind und das Gesicht des Kunden durch die Rasur gut zur Geltung kommt. „Ich bin begeistert von der Rasur und werde auf jeden Fall wiederkommen. Auch meinen nächsten Haarschnitt lasse ich mir auf jeden Fall hier machen. So ein Barbier hat in der Nähe definitiv gefehlt“, sagt Manuel Düde. Auch von den anderen Kunden wird der neue Service sehr gut angenommen. „Anfangs war ich skeptisch, ob die Ludwigsluster Marwans Können annehmen würden. Aber schon am zweiten Tag wurde ich eines Besseren belehrt“, erklärt Salonleiterin Daniela Schulze.

Seit September arbeitet der 35-Jährige in Ludwigslust, zunächst als Praktikant, seit November auf 450-Euro-Basis. Im Dezember 2015 war er aus seiner Heimat Syrien nach Deutschland gekommen. Nach nur wenigen Tagen in Rostock kommt er nach Norwegen, doch dort passiert nichts. „Wir mussten einfach nur warten, ob am nächsten Tag etwas passiert oder nicht. Man durfte nichts unternehmen, geschweige denn arbeiten“, erklärt Marwan. Nach vier Monaten muss er zurück nach Deutschland, denn hier waren von ihm nach der Flucht die ersten Fingerabdrücke genommen worden. Nachdem er einige Monate in Stern Buchholz und Grabow in Gemeinschaftsunterkünften gelebt hat, hat er seit September 2016 seine eigene Wohnung in Ludwigslust.

Zu seinem Job verhalf ihm sein Freund Ammar Osman. Auch er ist aus Syrien geflohen und lebt seit Sommer 2015 in Deutschland. Derzeit arbeitet er als Sprachvermittler bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Wir wollen alle unsere Klienten zeitnah in Arbeit bringen. Und als ich gemeinsam mit Marwan bei Frau Schulze war und wir um einen Praktikumsplatz baten, hatte ich sofort ein gutes Gefühl“, sagt Ammar Osman. Die nötigen Erfahrungen bringt der Syrer mit, denn in Damaskus führte er zehn Jahre lang seinen eigenen Friseurladen mit mehreren Mitarbeitern. Das eigene Geschäft war ein reiner Herrenfriseur, so wie es in Syrien üblich ist. Berührungsängste mit weiblichen Kunden gibt es keine. „Die meisten Deutschen denken, dass Männer und Frauen in Syrien strikt getrennt leben. Aber das ist natürlich nicht so“, erklärt Marwan Ahmad.

Auch die Zusammenarbeit mit Salonleiterin Daniela Schulze klappe ohne Probleme. „Sie hat mir sehr geholfen, in Deutschland zurechtzukommen. Ich habe ihr viel zu verdanken“, so der Friseur weiter. Um seine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern, hängen im ganzen Geschäft Zettel mit den deutschen Bezeichnungen der Gegenstände. „Im alltäglichen Gebrauch lernt er unsere Sprache viel einfacher. Seitdem er bei uns ist, spricht er jeden Tag mehr und fließender“, so Daniela Schulze. Mit ihrer Hilfe schaffte es der passionierte Bodybuilder auch, endlich einen Vertrag in einem Fitness-Studio in Techentin zu bekommen. „Vorher wurde ich überall abgelehnt“, erinnert sich der Sportbegeisterte.

Nach seinem ersten Jahr in Deutschland – ein echtes Abenteuer, wie Marwan Ahmad es bezeichnet – hat er für die Zukunft nur zwei kleine Wünsche. „Ich möchte noch mehr Menschen die Haare schneiden und eine Ausbildung zum Damenfriseur beginnen.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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