Ludwigslust : Den Vater im KZ verloren

Urszula Spinkiewicz (2.v.l.) und Barbara Piotrowska (2.v.r.) berichteten von ihren Erlebnissen. Inge Wandersee-Piasecka (r.) übersetzte, Ramona Ramsenthaler moderierte.
Urszula Spinkiewicz (2.v.l.) und Barbara Piotrowska (2.v.r.) berichteten von ihren Erlebnissen. Inge Wandersee-Piasecka (r.) übersetzte, Ramona Ramsenthaler moderierte.

Sonderausstellung „Deportiert ins KZ Neuengamme“ im Ludwigsluster Rathaus / Zeitzeuginnen berichten bei der Eröffnung

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06. September 2017, 17:58 Uhr

Neun Jahre. Gerade einmal neun Jahre alt war Barbara Piotrowska, als sie 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt wurde. Sie gehörte gemeinsam mit ihrem Vater Antoni Stachowicz und ihrer Mutter zu den Tausenden Warschauern, die nach der Niederschlagung des Aufstandes in ihrer Stadt von Wehrmachts- und SS-Einheiten nach Deutschland zur Zwangsarbeit oder in Konzentrationslager deportiert wurden. Am Dienstagabend berichtete sie gemeinsam mit Urszula Spinkiewicz im Ludwigsluster Rathaus von ihren schrecklichen Erlebnissen. Im Lichthof wurde die Ausstellung „Deportiert ins KZ Neuengamme“ eröffnet.

Mit einem großen Familientransport war Barbara Piotrowska nach Deutschland gekommen. „Mein Vater wurde ins KZ Neuengamme gebracht, wo er am 8. Dezember 1944 starb“, erzählte die 82-Jährige. Die Frauen und Kinder kamen ins KZ Ravensbrück. 4000 bis 5000 Menschen in einem großen Zelt, das für 3000 Personen ausgelegt war. „Die Bedingungen waren schrecklich. Hunger, Kälte, Dreck, Läuse und unmenschliche sanitäre Verhältnisse“, berichtete Barbara Piotrowska. „Wir Kinder durchlebten unvorstellbare Ängste, unsere Mütter zu verlieren.“ Gegen Ende des Krieges mussten auch Barbara und ihre Mutter auf einen der Todesmärsche gehen. „Bei Jena und Gera habe ich Situationen erlebt, in denen ich dem Tod sehr nahe war.“ In der Nähe von Weimar wurden sie Ende April 1945 befreit.

Die Wanderausstellung „Deportiert ins KZ Neuengamme“ war von der dortigen KZ-Gedenkstätte und Kuratorin Katja Hertz-Eichenrode erarbeitet und erstmals im Januar 2015 zu den „Tagen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ in Hamburg gezeigt worden. Unter den Gästen auch Ramona Ramsenthaler. „Damals entstand sofort die Idee, diese Ausstellung in unseren Landkreis zu holen“, erzählte die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin. „Weil sie auch Tafeln über das Schicksal von Menschen enthält, die über das KZ Neuengamme nach Wöbbelin kamen. Von Überlebenden, aber auch von Opfern, die im KZ Wöbbelin gestorben sind.“

Im Ludwigsluster Rathaus wird auf 35 Tafeln über die deutsche Besatzung in Polen, Belgien, Frankreich und den Niederlanden berichtet, über das KZ Neuengamme, über den Warschauer Aufstand und andere Widerstands-Aktionen, über Razzien, Repressalien und Deportationen durch Wehrmacht und SS. Die Orte Murat (Frankreich), Meensel-Kiezegem (Belgien) und Putten (Niederlande) und die Ereignisse dort, die in Deutschland weitgehend unbekannt sind, spielen dabei eine Rolle.

Urszula Spinkiewicz war als Vierjährige mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Schwestern aus Warschau in das Durchgangslager 121 gebracht worden. „Mein Vater (Jan Derengowski, d. Red.) wurde dann in das KZ Neuengamme deportiert, wo er am 20. Dezember 1944 umkam“, erzählte sie. Sie selbst sei mit Mutter und Schwestern in das Generalgouvernement gekommen. „Möge es so sein, dass die Geschichte ein guter Lehrer ist“, sagte Urszula Spinkiewicz mit Blick auf die Ausstellung. Und Barbara Piotrowska ergänzte: „Ich wende mich an nachfolgende Generationen mit der Aufforderung, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, damit sie wissen, wozu Kriege führen, damit sie sich jeglicher Gewalt widersetzen und das Andenken an die Opfer totalitärer Systeme bewahren.“

Die Mahn- und Gedenkstätten bieten Führungen durch die Ausstellung an, auch für Schulklassen. Die Jugendlichen können dann nicht nur ein Bild von Barbara Piotrowska aus glücklichen Kindertagen sehen, sondern auch Fotos von einer Taschenuhr ihres Vaters und seinem Ehering. Diese hatte die Tochter 57 Jahren nach dem Tod des Vaters zurückbekommen. Der Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes hatte sie – wie andere persönliche Sachen, die Häftlingen im KZ abgenommen wurden – all die Jahre aufbewahrt.  

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