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Ludwigsluster Tageblatt

25. September 2017 | 20:48 Uhr

Wöbbelin : Den Opfern einen Namen geben

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Auf dem KZ-Gedenkfeld bei Wöbbelin sind gestern 22 Steine für die im Lübtheener Lazarett gestorbenen Naziopfer eingeweiht worden

von
erstellt am 02.Mai.2014 | 21:00 Uhr

Er wird nächstes Jahr wiederkommen. Und übernächstes. „Und wenn alles gut läuft, auch noch die Jahre danach.“ Salomon Birenbaum ist 87 Jahre alt. Seit mehr als zehn Jahren fliegt er aus den USA in der letzten Aprilwoche nach Deutschland, besucht Schüler und berichtet über seine Zeit in den deutschen Konzentrationslagern. „Es strengt an, ja“, sagt er. „Aber wenn Kinder die Geschichte nicht lernen, dann kann sie sich wiederholen. Ich erzähle ihnen die Geschichte.“

Gemeinsam mit anderen Überlebenden aus dem KZ Wöbbelin sitzt Birenbaum gestern in der ersten Reihe vor dem Gedenkfeld an der B106. Mädchen aus der Schule in Rastow verlesen die Namen jener 22 Männer, die Tage und Wochen nach der Befreiung im Lazarett in Lübtheen völlig ausgehungert an Krankheit und Erschöpfung starben. Geert Stukje, Viktor Garcia, Andrè Caron, Jans Zwinderman,... Für jeden Toten legen sie eine gelbe Rose vor den mit seinem Namen gravierten Stein. „Wir müssen den Opfern Namen geben - aus Respekt vor den Toten“, sagt Landrat Rolf Christiansen. Die Namen der Toten zu erforschen und sie sichtbar zu machen, bleibe ein lebenslanger Auftrag. „Es ist wichtig, ihre Lebenswege zu erzählen, sie nachvollziehbar zu machen, um auch bei den jungen Menschen Betroffenheit auszulösen.“

So wie es Alie Zwinderman tut. Sie ist die Tochter des in Lübtheen gestorbenen Jans Zwinderman. Der 26-jährige Niederländer starb am 15. Mai 1945, zwei Monate vor ihrer Geburt. „Ich habe meinen Vater nie kennen gelernt und hatte so viele Fragen“, sagt sie gestern ins Mikro auf dem Ehrenfriedhof. Sie sammelte Fotos, Dokumente und sprach mit Frauen, die ihren Vater in Lübtheen gepflegt hatten. Dann bekam sie die Habseligkeiten ihres Vaters ausgehändigt, die man ihm im KZ Neuengamme abgenommen hatte. Ein Schachbrett auf Papier, ein Tagebuch, eine Bürste... „Es war als würde er neben mir stehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn endlich kennen gelernt habe.“

Für Salomon Birenbaum geht eine Woche voller Begegnungen und Gespräche zu Ende. Er hat vor Schülern in Parchim und in Ludwigslust gesprochen. Laut Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten, haben sich am Mittwoch mehr als 250 Schüler im Landkreis an den Zeitzeugengesprächen beteiligt.

Allein am Ludwigsluster Gymnasium wollten 150 Jugendliche Salomon Birenbaum zuhören. Ramsenthaler: „Die Schüler hatten nur eine Bitte: Kommen Sie nächstes Jahr wieder, Herr Birenbaum.“

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