Wöbbelin : „Den Opfern ein Gesicht geben“

Häftling des KZ Wöbbelin am 5. Mai 1945  .
Foto:
1 von 3
Häftling des KZ Wöbbelin am 5. Mai 1945 .

Neue Dauerausstellung in Vorbereitung – Museum Wöbbelin zeigt aktuelles Forschungsmaterial

svz.de von
28. Juli 2014, 16:46 Uhr

Die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin sind bei ihren Forschungen zur Geschichte des einstigen Konzentrationslagers Wöbbelin weiter vorangekommen. Dank neuer Quellen lässt sich heute ein präziseres Bild beispielsweise vom Aufbau des Lagers zeichnen als noch vor wenigen Monaten möglich. Die jüngsten Forschungsergebnisse werden ab 21. August in einer Dauerausstellung anhand von bislang unbekannten Fotos und Dokumenten vorgestellt.

„Wir können durch die Quellen im Prinzip genau aufgelistet die Geschichte des Lagers belegen, vorher mussten wir uns oft auf Zeitzeugenberichte verlassen“, sagt Ramona Ramsenthaler, die die Mahn- und Gedenkstätten seit 2007 leitet. So gebe es heute neue Erkenntnisse zur möglichen Anzahl der früher auf dem Lagergelände stehenden Baracken. Auch die acht Häftlingstransporte von Februar bis April 1945 nach Wöbbelin ließen sich jetzt alle unter anderem durch Originalunterlagen nachweisen.

Der Zuwachs an Material für die Geschichtsforscher ist insbesondere auf den rasanten technischen Fortschritt, eine erfolgreiche Eigenrecherche und die vermehrten Kontakte zu Angehörigen früherer KZ-Häftlinge zurückzuführen. „Die Digitalisierung der Archive hatte zur Folge, dass wir in den vergangenen fünf Jahren viele neue Fotos von 1945 und Dokumente erhalten haben“, berichtet Ramsenthaler. Vor zwei Wochen habe sie beispielsweise bisher in Wöbbelin unbekannte Fotos auf der Internetseite des United States Holocaust Museum in den USA ausfindig machen können.

Die Museumschefin registriert auch eine zunehmende Bereitschaft von Familienangehörigen der Opfer, Wöbbelin betreffende Unterlagen aus dem Privatbesitz den Mahn- und Gedenkstätten zu übereignen. „Jede Woche kommen Kinder und Enkelkinder hierher, überwiegend aus den Niederlanden, Polen und Frankreich“, sagt die frühere Geschichtslehrerin. Durch den Abgleich von Briefen, Archivmaterial und den Gedenkstätten bereits vorliegenden Dokumenten ließen sich im Prinzip Biografien rekonstruieren.

Ramsenthaler erzählt von einem Holländer, der kürzlich mit seiner Familie aus Kanada in Wöbbelin gewesen war. Dessen Vater sei knapp einen Monat nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Amerikaner in einem Ludwigsluster Krankenhaus gestorben. Der Sohn habe den letzten Brief des Mannes an die Familie, ein mit Bleistift beschriebenes Stück Papier, dem Museum überlassen. Dieses Dokument ist eines von insgesamt 300 Exponaten der neuen Ausstellung mit dem Titel ,,Zehn Wochen KZ Wöbbelin“. Gezeigt werden neben Briefen auch Originalunterlagen aus Archivbeständen, Fotos, Filmaufnahmen und Gegenstände aus dem Alltag im KZ, die zum Teil noch nie in der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Darunter sind auch Bilder, die ein Geschichtslehrer aus Michigan entdeckt hat. Es handelt sich dabei um Fotos von 1945 aus dem Privatbesitz von ehemaligen Befreiern der 82. US- Luftlandedivision und der 8. US-Infanterie, die fast zeitgleich das KZ Wöbbelin am Nachmittag des 2. Mai 1945 entdeckt hatten, nachdem die SS-Wachmannschaften geflohen waren. Jim Goodspeed, der seit über zehn Jahren in den USA für die Mahn- und Gedenkstätten recherchiert, hatte die amerikanischen Soldaten kontaktiert.

,,Mit dieser Ausstellung wollen wir den Opfern ein Gesicht geben“, betont Museumsleiterin Ramsenthaler. ,,Mit Zitaten und Fotos von Opfern und Überlebenden vor der Verhaftung und nach der Befreiung wollen wir zudem zeigen, dass im Lager Wöbbelin auch viele junge Menschen inhaftiert waren.“

Das gemeinsam mit den Berliner Historikerinnen Angelika Königseder und Carina Baganz erarbeitete Ausstellungskonzept beinhaltet auch interaktive Angebote für die Museumsbesucher. Digitale Bilderrahmen sowie Hör- und Videostationen sollen die Informationen der Wandtafeln inhaltlich vertiefen. Auf drei Touchscreens kann zur Lagergeschichte, zu den Transporten in das KZ und zu Häftlingsbiografien recherchiert werden. Das Außenlager des KZ Neuengamme wurde am 12. Februar 1945 bei Wöbbelin eingerichtet und existierte zehn Wochen bis 2. Mai 1945. Dort starben mehr als 1000 Menschen aus über 20 Nationen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen