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70 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg : Das Massaker am Bahnhof von Zarrentin

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Ungesühnte Bluttat vom 2. Mai 1945 beschäftigt auch heute noch den Boissower Udo Beschoner, den Sohn eines der von Amerikanern wahllos Erschossenen

„Mein Vater war vermutlich zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt Udo Beschoner mit sachlicher Stimme. Doch tief in seinem Innersten ist der 74-Jährige aufgewühlt, denkt er an den 2. Mai 1945 und das unfassbare Massaker am Zarrentiner Bahnhof. „Er war bei der Schwester in der Rosenstraße. Zusammen mit einem Kameraden hatte er dort Gartenarbeit verrichtet, als das Unheil seinen Lauf nahm.“

Rückblick: Im Auftrage des damaligen Bürgermeisters begab sich Gendarmerie-Meister Wilhelm Ex mit einer weißen Fahne in der Mitte der Bahnhofstraße zum englischen Posten an der Lüttower Chaussee und bot die kampflose Übergabe der Stadt an. Wenig später kehrte er in Begleitung von englischen Offizieren und Soldaten auf offener Straße zurück, um im Rathaus die offizielle Übergabe der Stadt durch Bürgermeister Bußenius vollziehen zu lassen. Post und Rathaus wurden besetzt. Kanadier durchkämmten gegen 11 Uhr einzeln in zwei Reihen in weiten Abständen die heutige Amtsstraße und fahndeten nach deutschen Soldaten, nahmen ihnen die Pässe ab und ließen sie, zumal viele verwundet waren, wieder frei.

Rathaus und Postamt wurden besetzt

Den Einwohnern der Stadt wurde durch den Ausrufer Hans Schwan der Tod Hitlers und das Ende des Krieges verkündet. Als in den Mittagsstunden eine afro-amerikanische Einheit der motorisierten schweren Artillerie in der Bahnhofstraße parkte und auf den Befehl zur Weiterfahrt wartete, Einwohner sich in ersten Gesprächen mit den teils farbigen Besatzungen versuchten, fielen gegen 15 Uhr plötzlich Schüsse aus der Richtung des Bahnhofs in die Kolonne und verletzten einen amerikanischen Soldaten am Arm. Die Zaungäste am Straßenrand ergriffen in panischer Angst die Flucht. Die Schüsse sollen aus dem Bahnhofsgebäude oder einem besetzten Kraftfahrzeug der Bahnpolizei vor dem Bahnhofsgebäude abgegeben worden sein. In Windeseile verließen die Geschützmannschaften die Fahrzeuge, riegelten das Bahnhofsgelände ab, holten alle sichtbaren männlichen Personen aus dem Bahnhofsgebäude und aus dem besagten Fahrzeug heraus und erschossen sie. Das hält nach Augenzeugenberichten der Ortschronist Dr. Christoph Prösch für die Nachwelt fest.

„Insgesamt wurden wahllos 15 Männer eiskalt erschossen. Zwei von ihnen waren mein Vater Adolf und sein Kumpel, die sich nichts ahnend zur Rampe des Güterbahnhofes begeben hatten. Dort hatten die Alliierten auf der Rampe ein Maschinengewehr in Stellung gebracht. Das war dort, wo heute der Aldi-Parkplatz ist“, berichtet Udo Beschoner. Er habe die Informationen von seinem Cousin, dem Sohn seiner Tante bekommen, die sofort, nachdem die Schüsse gefallen waren, zum Bahnhof gelaufen sei. „Als sie dort ankam, hatten sie den Toten schon die Stiefel und die goldenen Eheringe gestohlen. Mein Vater hat dann ein Einzelgrab bekommen. Der Kumpel meines Vaters hat noch etwa 20 Minuten gelebt, bevor er qualvoll nach einem Bauchschuss starb.“

Anschließend wurden die Häuser in der Nähe des Bahnhofs einer gründlichen Durchsuchung nach Waffen und verdächtigen Personen unterzogen. Ein nicht näher benannter Augenzeuge berichtet, aufgeschrieben von Dr. Christoph Prösch:

„Wir Einwohner im Haus Rosenstraße 48 wurden von einigen amerikanischen Soldaten mit lauten Schimpfworten im Treppenhaus zusammengetrieben und bei erhobenen Händen von einem Offizier mit zwei Revolvern bewacht. Unsere Taschen wurden nach Waffen und Messern durchsucht, Messerklingen hinter den Türrahmen geklemmt und gewaltsam abgebrochen. Währenddessen durchsuchten Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag alle Räume des Hauses vom Dachboden bis zum Keller, öffneten und durchwühlten Schränke und durchstachen Bettzeug. Nach erfolgloser Durchsuchung zogen sich die Soldaten rückwärts mit vorgehaltenen Waffen aus dem Hausflur zurück.“

Bald darauf setzte die Einheit in der Bahnhofstraße ihre Fahrt fort und liess die Toten auf dem Bahnhofsplatz zurück. Pastor Lübbert berichtet im Kirchenbuch, dass er bei seiner Ankunft auf dem Bahnhofsplatz gegen 16.30 Uhr dort 15 Tote vorfand, von denen einige bereits von polnischen Zwangsarbeitern ihrer Papiere und Wertsachen beraubt waren. In den Friedhofsakten sind unter dem 2. Mai 1945 14 Tote namentlich genannt. Unter den Toten befanden sich vorwiegend Bahnpolizisten, die in der Mehrzahl aus Braunschweig stammten. Außer ihnen waren unter den Opfern der Bahnhofsvorsteher Wilhelm Schmidt und zwei verwundete deutsche Soldaten, die sich in Zarrentin aufhielten, ihre Pässe bei den Amerikanern abgeben wollten und dabei in das Massaker gerieten. Ein angeblich entkommener Bahnpolizist identifizierte die Leichen seiner Kameraden und schrieb deren Namen auf. Der Bahnlehrling Gressmann aus Valluhn kam als einziger mit dem Schrecken davon, da er sich nach einem Schusstreffer ins Bein geistesgegenwärtig tot stellte und so übersehen wurde.

Bilanz des Blutbades am Bahnhof: 15 Opfer

Die Toten wurden mit zwei Bauernwagen zur Friedhofskapelle gebracht und dort nebeneinander gelegt. Am 5. Mai um 11 Uhr fand ihre Beisetzung auf dem Zarrentiner Friedhof statt. Folgen wir den Friedhofsakten, so wurden 12 Tote in einem Gemeinschaftsgrab bestattet, unter ihnen neun Bahnpolizisten, deren Namen auf dem Grabstein vermerkt sind. Der Bahnhofsvorsteher Wilhelm Schmidt und einer der verwundeten Soldaten, Adolf Beschoner, wurden in Einzelgräbern zu beiden Seiten des Gemeinschaftsgrabes beerdigt. Pastor Lübbert berichtet weiterhin, dass nachträglich noch ein Bahnpolizist an einer Böschung hinter dem Bahndamm tot aufgefunden wurde, dessen Personalien nicht festgestellt werden konnten und der am 7. Mai als Namenloser im Gemeinschaftsgrab beigesetzt wurde. Er ist in der Friedhofsakte nicht vermerkt. Somit beläuft sich die traurige Bilanz des Blutbades am Bahnhof auf 15 Opfer.

In der Stadt wurde eine britische Besatzungseinheit stationiert. Einige Häuser am See und am Marktplatz mussten innerhalb von zwei Stunden geräumt werden. Von abends 21 Uhr bis morgens 6 Uhr herrschte Ausgehverbot. Bürgermeister Bußenius und seine Frau wählten den Freitod durch Gift.

Nach wenigen Tagen wurde die britische Einheit von einer bis zu 200 Mann starken amerikanischen Besatzungseinheit abgelöst, die u.a. in der Bahnhofstraße und einigen anderen Häusern Quartier nahm. In Anbetracht der Hausräumungen herrschte in der Stadt große Unruhe. Die betroffenen Familien mussten unter Zurücklassung ihrer Habe mit den notwendigsten Habseligkeiten bei Bekannten und Verwandten oder auch in Ställen und Scheunen Obdach suchen.

„Ich habe erst 1989 erstmals das Grab meines Vaters besuchen können. Zum Glück habe ich es gleich gefunden. Dank der Pflege durch die Kirchengemeinde“, sagt Beschoner, der heute als Maler, Zeichner und Fotograf in Boissow lebt.

Der Maler Helmut Meyer aus Holzkrug hatte im Oktober 2014 ein Bild des vergessenen Grabsteines gemalt. „Unvorstellbar dieses Ereignis, nur noch sechs Tage vor Kriegsende und die Folge einer Wahnsinnstat“, urteilt der Künstler kopfschüttelnd.

Die Zarrentiner Kirchengemeinde pflegt nach Informationen von Pastor Jürgen Meister auf dem Friedhof unter anderem zwei Grabstellen der Verstorbenen. In einer Grabstelle sind neun Personen beigesetzt und in der nächsten gleich daneben eine Person, nämlich Adolf Beschoner.

„Wir pflegen die Grabstellen der im Krieg Verstorbenen auch mit Hilfe von städtischen Mitteln. Wir werden die Pflege auch weiterführen, weil es für die Gräber keine zeitliche Befristung gibt. Wir wollen den Verstorbenen so ein würdiges Andenken bewahren“, sagte Pastor Meister im SVZ-Gespräch.

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