Suchthilfezentrum Ludwigslust : Das Leben neu geordnet

Gemeinsam zum Erfolg: Daniela Thiele mit der Diplompsychologin Jutta Scharf und Sozialarbeiterin Marion Becker vom Suchthilfezentrum Ludwigslust
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Gemeinsam zum Erfolg: Daniela Thiele mit der Diplompsychologin Jutta Scharf und Sozialarbeiterin Marion Becker vom Suchthilfezentrum Ludwigslust

Daniela Thiele verfällt nach Schicksalsschlag dem Alkohol. Suchthilfezentrum Ludwigslust hilft ihr, noch einmal durchzustarten

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20. Juni 2016, 20:45 Uhr

Der Tod ihrer kleinen Tochter hatte Daniela Thiele den Boden unter den Füßen weggerissen. „Sie kam in der 21. Schwangerschaftswoche viel zu früh zur Welt“, erzählt die 36-Jährige und schluckt. „Zwei Wochen später ist sie gestorben.“ In den ersten Tagen danach zog sie sich komplett zurück. Um ihre vier älteren Kinder kümmerten sich im Haus wohnende Bekannte. Daniela Thiele selbst fing an zu trinken. „Erst Sangria, dann auch Bier und Schnaps“, erzählt sie. „Ich habe immer nur gedacht, dass ich meine Kleine wiederhaben möchte.“ Irgendwann ging es nicht mehr ohne Alkohol. Doch inzwischen hat die 36-Jährige den Absprung geschafft, hat ihr Leben neu geordnet. „Ohne die Unterstützung durch die Mitarbeiter des Suchthilfezentrums hätte ich es nicht geschafft.“

Für Jutta Scharf, Leiterin des Suchthilfezentrums des Diakoniewerks Kloster Dobbertin gGmbH, ist Daniela Thieles Geschichte ein Klassiker. „Frauen haben oft ein geringes Selbstwertgefühl, trauen sich nichts zu, und wenn in ihrem Leben dann etwas schiefgeht, sehen sie die Schuld bei sich“, erklärt die Diplompsychologin. „Die Folge: Rückzug, Trinken, Depression, Scham und wieder Rückzug. Ein Kreis.“ Daniela Thiele ist diesem Kreis entronnen.

Es war nach dem Jahreswechsel 2012/13. „Wir hatten noch viele Reste von Silvester. Ich habe getrunken und getrunken und auch noch Tabletten genommen, weil es mir so schlecht ging“, erzählt Daniela. Als sie sich von diesem Exzess erholt hatte, wurde ihr klar: So kann es nicht weitergehen. „Ich hatte meine älteste Tochter enorm in Anspruch genommen, weil einer ja für die Kleinen da sein musste.“ Eine Rolle, die Daniela selbst zu gut aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend kannte. „Ich verstehe bis heute nicht, wie ich das zulassen konnte.“

Daniela wandte sich an den sozialpsychiatrischen Dienst, ging zur Entgiftung und dann zur Langzeittherapie in Lübstorf. „Ich wäre am liebsten noch länger dageblieben. Es war ein bisschen wie unter der Käseglocke“, erzählt Daniela. Doch auch draußen bekommt sie Unterstützung – durch das Suchthilfezentrum. „In unseren Gesprächen haben wir an den der Sucht zugrundeliegenden Konflikten gearbeitet, an der Stärkung des Selbstwertes und an der Lösung aus der Bevormundung durch den früheren Lebensgefährten“, so Jutta Scharf. „Natürlich spielte auch das erlebte Trauma eine Rolle.“ Anfangs war Daniela wöchentlich in der Beratung, später seltener. Zusätzlich bekam sie mit Marion Becker eine Sozialarbeiterin im ambulant betreuten Wohnen an die Seite, die sie zu Hause besuchte, mit ihr sprach, bei der Wohnungssuche half und zum Jobcenter begleitete. „Es ging dabei zunächst um die Absicherung der Abstinenz und darum, Frau Thiele einen objektiven Blick auf ihre Leistungen zu vermitteln“, so Marion Becker. „Eine 1 ist eben eine 1, und vier Kinder gut zu erziehen, ist eine Riesenleistung.“ Und auch sonst hat Daniela Thiele in den vergangenen Jahren einige Leistungen vollbracht. Sie hat ihren Schulabschluss mit der Note 1,2 nachgeholt, ihre Fahrerlaubnis gemacht und Praktika in Arztpraxen absolviert. Im Sommer beginnt sie eine betriebliche Einzelumschulung zur medizinischen Fachangestellten in Schwerin. „Ich will in meinem Leben eigenständig und nicht vom Amt abhängig sein“, sagt sie. „Ich mache das für mich und für meine Kinder. Damit sie sehen, was ihre Mutter aus ihrem Leben gemacht hat, und ein bisschen stolz sein können.“

Die Angebote des Suchthilfezentrums haben ihr dabei geholfen. „Hier hat man Menschen zum Reden, die einen nicht gleich runtermachen“, so Daniela Thiele. Jutta Scharf wünscht sich, dass Betroffene früher zur Beratungsstelle finden, „bevor es im sozialen Umfeld zu Schwierigkeiten kommt“. Und dass Sucht als Krankheit wie andere Krankheiten auch gesehen wird.

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