Ludwigslust : „Das ist meine Rettung“

Seit zwanzig Jahren ist Dirk Schmidt alkoholkrank - in der Tagesstätte „Die Brücke“ bekommt er Halt, Ablenkung und Motivation für eine Therapie

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04. Juli 2014, 07:00 Uhr

Der Rauchmelder in Schmidts Wohnung tönt unaufhörlich. So laut, dass die Nachbarn sich im Treppenhaus vor seiner Wohnungstür versammeln. Sie klopfen. Rufen seinen Namen. Doch Schmidt schläft tief. Er kann sie nicht hören. „Wie auch“, sagt er heute. „Ich habe an diesem Tag drei Flaschen Schnaps getrunken. Da war ich stramm. Andere nennen das Komasaufen.“ Knapp drei Jahre ist das jetzt her. Später hat man ihm erzählt, dass die ganze Straße abgeriegelt war, Notarzt und Feuerwehrautos vor dem Haus standen. Ein Feuerwehrmann habe ihn geweckt und den Herd ausgeschaltet. Dirk Schmidt erinnert sich an nichts von all dem – nur das Datum, das hat er sich gemerkt. Ab diesem 4. November 2011 sollte sich sein Leben ändern.

Keine zwei Wochen später schon beginnt seine Schnupperwoche in der Tagesstätte „Die Brücke“ in Ludwigslust. Hier treffen sich Suchtkranke, vor allem Alkoholiker. Es gibt Wochenpläne, eine „ Freitagsrunde“, auf der die Klienten über ihre „kleinen Ziele“ sprechen. Man bereitet gemeinsam das Frühstück vor. Wer will, kann beim Mittag Kochen helfen oder im Garten arbeiten. Einige übernehmen Hausmeisterarbeiten im Haus „Sonnenschein“ oder helfen stundenweise Senioren im „Ludwig-Danneel-Haus“, gehen mit ihnen spazieren, spielen Bingo oder lesen ihnen aus der Zeitung vor. Sven Prüser, Sozialpädagoge, leitet die Tagesstätte der Suchtberatung. „Es ist der beste Job, den ich je gemacht habe“, sagt er. „Wir bekommen sehr viel Feedback von den Klienten. Sie fühlen sich wohl. Der feste Tagesablauf gibt ihnen Halt und die kleinen Aufgaben Selbstbestätigung.“ Wichtig sei, sie als gleichberechtigte Menschen anzusehen, so Prüser. „Niemand von ihnen ist freiwillig Alkoholiker geworden. Es gab immer Gründe dafür.“

Bei Dirk Schmidt begann die Alkoholsucht schleichend. „Beim täglichen Feierabendbier denkt man ja nicht an Alkoholabhängigkeit“, sagt er. Dann, mit der Arbeitslosigkeit, trank er mehr. Auch Schnaps. Als seine Frau schwer krank wurde und im Koma lag, war er täglich betrunken. Nach ihrem Tod, sagt er, sei er total abgesackt. „Damals habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Mir war alles egal. Ich habe mich einfach gehen lassen.“ Bis zu jenem Tag im November. „Wär ich geblieben und hätte weiter mit den anderen auf der Straße getrunken - wer weiß, ob ich heute noch leben würde. Die Tagesstätte ist meine Rettung. Sie hält mich vom Trinken ab.“

Jeden Tag um 7 Uhr wird Schmidt in Wittenburg vom Fahrdienst abgeholt. Auf dem Weg nach Ludwigslust steigen andere Klienten zu. Aus Groß Krams, aus Neustadt Glewe.

Schmidts Alkoholexzesse sind seit der Betreuung weniger geworden. Er habe immer noch „seine Saufphasen“, aber er will aufhören damit. Die Suchtberater der Diakonie helfen ihm dabei.

Noch in diesem Jahr will er eine dreimonatige Therapie machen. Sein „kleines Ziel“ für diese Woche: der Gruppenbesuch beim Blauen Kreuz. Sein großes Ziel ist die Abstinenz. Ein Leben lang. Arbeiten will er. Ehrenamtlich oder auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Und die Tagesstätte will er auf nach der Therapie besuchen. Nicht als Klient, sondern als Ehemaliger.

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