zur Navigation springen

Suchtprävention in Malliß : Das halbe Leben hinter Gittern

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Frank Plamp informierte gestern Schüler der Regionalen Schule Malliß über die Folgen von Drogen, Alkoholkonsum und Gewalt.

von
erstellt am 20.Jul.2016 | 08:00 Uhr

„Wenn mir jemand mit ,Sie’ kommt, kann er gleich wieder gehen“, sagt Frank. Denn so alt, wie er ist, fühlt er sich nicht. Vielleicht weil sein Leben erst mit 28 Jahren richtig angefangen hat. Gestern besuchte er die achte Klasse der Regionalen Schule in Malliß, um von seinem bewegten Leben zu erzählen. Vor allem aber, um davor zu warnen, wie Drogen und Alkohol ein Leben zerstören können.

Frank hatte keine einfache Kindheit. Wuchs unter denkbar ungünstigen Bedingungen auf. Der Vater war Alkoholiker, schlug alle anderen Familienmitglieder regelmäßig, so dass sie in Angst vor ihm leben mussten. Statt als Familie sah er alle im Haus als seine Soldaten an. Einen traurigen Höhepunkt fand diese Praxis, als er am abendlichen Essenstisch einmal versuchte, die Hand von Franks Schwester mit einer Gabel am Tisch zu befestigen – „erfolglos, da er wie immer betrunken war“, wie der 47-Jährige sagt. Schließlich trennte sich die Mutter und zog mit den Kindern weg.

Zu einem neuen Mann, der auch ihr den Alkohol schmackhaft machte. „Von da an habe ich sie kaum noch nüchtern erlebt“, erinnert sich Frank. Da er mit seinem neuen Ziehvater nicht klarkam, lief er weg. Blieb manchmal drei Wochen im Wald und überlebte von dem, was er sich zusammenklaute. Kein Kellerfenster und kein Schuppen waren damals vor ihm sicher.

Auch in der Schule verhielt er sich wenig vorbildlich. Selbst nach der achten Klasse – durch die ihn hauptsächlich die Verbindungen seines Vaters zur SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) brachten, nicht sein Können – konnte Frank weder rechnen, noch lesen oder schreiben. Keine gute Voraussetzung für das Leben. „Ich hing mit den falschen Leuten rum und fühlte mich unter ihnen stark – eigentlich war ich der größte Dummkopf“, weiß er heute. Er wurde gewalttätiger, geriet absichtlich in Schlägereien. Und auch die Alkoholsucht wurde schlimmer. „Irgendwann habe ich alles getrunken, was mir in die Finger kam: Bis hin zu Spülmittel, Spiritus und Hustensaft.“ Immer öfter landete er im Gefängnis.

Als er auch einen Fall von Körperverletzung mit Todesfall auf die Liste seiner Taten schreiben musste, wurde er für zwölf Jahre eingesperrt. Die Zeit hinter Gittern summiert sich auf 20 Jahre... Knapp die Hälfte seines Lebens. Doch der heute 47-Jährige hat sich zurück gekämpft. Noch in Haft hat er sich – mit 28 Jahren – autodidaktisch das Lesen beigebracht. „Rechnen kann ich bis heute nicht wirklich gut“, gibt er zu. Aus der Zeit in verschiedenen Gefängnissen stammen auch seine vielen Tattoos. Sie haben keine besondere Bedeutung – sind genauso wirr zusammengewürfelt wie sein Leben damals. Und heute seine Zukunft.

Nur ein Jahr nach seiner Entlassung eröffnete Frank sein eigenes Tattoo-Studio in seiner Wahlheimat Ribnitz-Damgarten. White Angel heißt es. „Im Nachbarort gibt es auch ein Studio namens Black Devil – aber davon hatte ich schon genug“, scherzt er mit breitem Grinsen.

Inzwischen hat er sein Leben fest im Griff, ist seit Jahren trocken und will nun Jugendliche vor Fehlern wie seinen eigenen bewahren.

Damit trifft er auch an der Regionalen Schule in Malliß ins Schwarze. Immerhin hat jeder der Schüler in der Runde bereits Alkohol konsumiert – manche auch schon einmal zu viel. „Genau darum ist es uns so wichtig, mit Präventivveranstaltungen an aktuellen Themen anzusetzen“, erklärt Schulsozialarbeiterin Gerda Kolodziejek. Zusammen mit Claudius Hannemann vom Suchthilfezentrum Ludwigslust hat sie das Gespräch mit Frank möglich gemacht. An diesem Tag gingen alle nachdenklich nach Hause. Gleichermaßen betroffen wie auch fasziniert vom Lebenswandel dieses Menschen. Und der Offenheit, mit der er seine Geschichte teilt.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen