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Ludwigsluster Tageblatt

21. November 2017 | 05:50 Uhr

Grabow : Dachboden barg großen Schatz

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt

von
erstellt am 12.Aug.2014 | 07:00 Uhr

Heike Gercke hat einen Schatz gefunden. Wenigstens für sie ist es einer, aber er kann auch für andere Menschen von Nutzen sein. Davon ist die Grabowerin, die aber eigentlich in Leipzig wohnt, überzeugt. Bei Sanierungsarbeiten in ihrem Grabower Haus Kirchenstraße 16 entdeckte die Familie auf dem Boden einen Pappkarton mit ca. 250 Feldpostbriefen und Karten, die Großvater Carl vom September 1914 bis September 1918 von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges an seine Frau schickte. „Dieser Fund ist mein größter Schatz, denn ich konnte viel über das schwere Leben in jenen Jahren und speziell das meiner Großeltern erfahren und lernte meine Großeltern von einer Seite kennen, die mir bisher verborgen geblieben war“, sagt Heike Gercke.

Zur Zeit des Ersten Weltkrieges hatten die Eltern ihrer Mutter den Wohnsitz in Groß Laasch. „Mit 31 Jahren wurde Großvater in den Krieg eingezogen. Er ließ seine 27-jährige Frau mit drei kleinen Kindern im Alter von sechs, fünf und drei Jahren zurück. Darunter war meine Mutter. Großmutter hatte sich nun zusammen mit ihren Eltern um die kleine Landwirtschaft und den Kolonialwarenladen in ihrem Haus zu kümmern, der von A bis Z alles anbot, was auf dem Dorf zum Leben gebraucht wurde“, schildert Heike Gercke. In den meisten Briefen des ersten Kriegsjahres könne man die Worte „Auf Wiedersehen“ lesen. Manchmal bereits am oberen Rand des Briefbogens, manchmal ganz zum Schluss. Das sei der größte Wunsch gewesen.

Die erste Feldpost vom Dienstag, den 1. September 1914 schrieb der Opa im Biwak bei Brüssel. Er teilte seiner Frau mit, dass die Unterkünfte schlechter als heimische Schweineställe seien und die flämische Stadt Leuven im August von den Deutschen völlig niedergebrannt worden sei. Im Dezember 1914 regnete es in Frankreich im Frontgebiet wochenlang. Die Schützengräben waren schlammig, so dass Schuhe und Strümpfe stecken blieben. „Wir mussten barfuß weiter, haben jedes Mal nach dem Einsatz vom Graben zum Quartier einen Fußmarsch von zwei Stunden in finsterer Nacht zu absolvieren und keinen trockenen Faden mehr am Leibe“, schrieb der Soldat damals.

Carl Markgraf überstand die vier Kriegsjahre und starb 87-jährig 1970 in Grabow. Ältere Eldestädter werden noch die Buch- und Papierhandlung Markgraf in der Kirchenstraße kennen, die er bis 1960 führte – bis zum Alter von 77 Jahren. Heike Gercke ist dabei, die Feldpost ihres Großvaters zu ordnen, zusammenzufassen und daraus ein Familien-, sprich Gesellschaftsbild zu zeichnen. Eine Sisyphusarbeit, denn die Briefe sind mit Bleistift in deutscher Schreibschrift geschrieben, deren Buchstaben für den heutigen Zeitgeist ungewohnt sind. Außerdem sind sie im Laufe der vielen Jahre verblasst. Trotzdem ist Heike Gercke ans Werk gegangen. „Zu meinem Großvater hatte ich ein besonders inniges Verhältnis. Mein Bruder und ich wuchsen ohne Vater auf. Daher war er für uns ein wertvoller Vaterersatz“, so Heike Gercke.

 

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