zur Navigation springen
Ludwigsluster Tageblatt

21. November 2017 | 13:15 Uhr

Karenz : Bürger fühlen sich allein gelassen

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Gemeinde Karenz soll demnächst 114 Flüchtlinge aufnehmen/ Bürgermeister hatte zu einer Einwohnerversammlung eingeladen

svz.de von
erstellt am 11.Dez.2015 | 08:00 Uhr

Die Flüchtlingsthematik sorgt derzeit überall in den Gemeinden für reichlich Diskussionsstoff. Zumal die Zahl derjenigen, die übers Meer oder auf Landwegen ein sicheres Leben für sich erhoffen, jeden Tag in die Tausende geht. Das scheint nun auch nicht ganz spurlos für Karenz zu bleiben. Denn das 300-Seelen-Dorf soll demnächst 114 Flüchtlinge aufnehmen. Sie sollen in einem Neubau im Malker Weg untergebracht werden. Die Karenzer wurden daher zu einer Einwohnerversammlung durch ihren Bürgermeister Klaus Elsner am Mittwochabend in das örtliche Gemeindehaus eingeladen.

Harald Haase, Fachdienstleiter für Soziales beim Landkreis Ludwigslust-Parchim, informierte die rund 80 erschienenen Anwohner über die Verteilung der Flüchtlinge. Unter anderem erklärte er den Einwohnern ausführlich den Weg eines Flüchtlings sowie eines Asylanten und versuchte so einigen Vorurteilen zu begegnen.

Unmut durch angestauten Frust

„Ich finde, das hat Herr Haase sehr gut dargestellt. Einiges habe ich auch noch nicht gewusst und denke, dass das Bild von Flüchtlingen nun etwas klarer geworden ist“, bemerkt Bürgermeister Elsner. Nichtsdestotrotz macht sich sichtbarer Unmut und angestauter Frust im Saal bemerkbar. Einige Besucher fühlen sich anscheinend überrumpelt und allein gelassen. Auch Volker Sielaff, Bürgermeister von Malliß, spricht die Probleme der Integration in seinem Dorf an. Ihm wurden quasi über Nacht weitere 100 Flüchtlinge zu den bestehenden 16 zugewiesen. Er moniert weiterhin, dass die Awo viel zu wenig Zeit wie auch Mitarbeiter habe, um sich ausreichend um die Flüchtlinge kümmern zu können. Vieles bleibe deshalb am Bürger sowie am Ehrenamt hängen.

„Wir haben die Info erst seit kurzem vom Landkreis erhalten und nicht genügend Zeit, um uns auf diesen Zuwachs vorzubereiten“, gesteht auch Burkhard Thees, Amtsvorsteher für das Amt Dömitz-Malliß. Er bemängelte den Informationsfluss zwischen ihm und dem Landkreis. „Wir sind ja bereit zu helfen, aber man hätte uns einfach früher Bescheid geben müssen“, sagt er.

Haase versucht diese Problematik zu erklären: „Ich bekomme auch erst eine Woche vorher Bescheid, wie viele Flüchtlinge einer Gemeinde zugewiesen werden. Sie müssen wissen, es muss erst einmal eine Unterkunft bereitgestellt werden, mittlerweile sind es sogar Privatwohnungen, die vom Landkreis angemietet werden und diese müssen danach wenigstens mit dem Notwendigsten ausgestattet sein.“ Bis die Verträge unterschrieben und die Wohnungen eingerichtet seien, ginge schon mal etwas Zeit ins Land. Er wisse selbst nur die Ankunftszeit der Busse in einem Ort. Außerdem ginge er davon aus, dass dieses Jahr noch keine Unterbringung in Karenz stattfinden werde. „Es sei denn, die Zugangszahlen explodieren, dann kann ich Ihnen auch nicht sagen, was wird“, meint er. Auf die Frage, wie die Asylanten denn zu den Ämtern, Ärzten, Supermärkten oder Sprachkursen kämen, da es keine gute Infrastruktur in Karenz gäbe, äußerte sich Harald Haase wie folgt: „ Sie werden die Schulbusse benutzen müssen. Zusätzliche Linien werden in absehbarer Zeit jedoch nicht eingesetzt. Aber genügend Kapazitäten werden vorhanden sein. “ Ein Raunen geht durch die Menge. Selbst der stellvertretende Bürgermeister Detlef Möller ist der Meinung, dass die Schulbusse nicht ausreichen. „Das wird doch nie klappen. Wir brauchen einen extra Fahrservice, der auch am Wochenende einsetzbar ist“, schlägt er vor.

Einige Zwischenrufe zeigen deutlich, viele haben Angst vor der Tatsache, dass Fremde aus anderen Ländern zu ihnen kommen und bei ihnen in der Nachbarschaft wohnen werden. Gerade Asylanten dürften in den ersten 15 Monaten nicht berufstätig sein, so Haase, Flüchtlinge jedoch gleich ab dem ersten Tag. Das macht wohl den Karenzern am meisten zu schaffen. „Seien wir doch mal ehrlich. Wir haben Angst davor, dass die Flüchtlinge in dieser Zeit gelangweilt hier im Dorf herumlungern, alte Leute trauen sich nicht mehr aus ihren Häusern und das wird immer schlimmer“, warnt Uwe Gerath als Anwohner. Das Thema Nachtwache wird aufgeworfen. Haase erzählt: „Die Polizei weiß von Orten, die Flüchtlinge aufnehmen und bestreift diese regelmäßig. Ich habe mich umgehört. Mir sagte ein Polizeichef, dass die Kriminalitätsrate durch die Zuwanderung keine Veränderung aufweise. Aber es gäbe vermehrt Übergriffe von Deutschen auf Flüchtlinge.“ Elsner greift ein: „Ich habe vor kurzem mit dem Polizeichef von Ludwigslust gesprochen, es gibt wohl bisher eine einzige Anzeige über Asylbewerber. Aber da geht es eher darum, dass sich in einer Wohngemeinschaft jemand geprügelt hat.“ Haase räumt schließlich ein, dass eine Nachtwache rein rechtlich gesehen möglich sei.
„Wie sollen wir uns denn jetzt als Bürger verhalten? Bei etwa 300 Einwohnern kommen 114 Flüchtlinge. Wie sollen wir es schaffen, diese zu integrieren“, fragt Detlef Möller erneut in die Runde.

„Seien Sie offen gegenüber den Neuankömmlingen. Gehen Sie auf sie zu und stellen einfach ein paar Fragen, um ihre Ängste zu beseitigen und sich gegenseitig kennenzulernen“, schlägt Haase vor. Dennoch winken einige genervt ab oder schauen weiterhin verärgert drein.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen