Ludwigslust : Blau im Bauch? Nein, danke

Spannende Ausstellung: Berufsschüler schauen sich Videos zum Thema Schwangerschaft an.
Spannende Ausstellung: Berufsschüler schauen sich Videos zum Thema Schwangerschaft an.

Wanderausstellung „Zero“ klärt nicht nur über Schwangerschaft, sondern auch über das Fetale Alkoholsyndrom auf

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14. März 2018, 05:00 Uhr

Interessiert schauen sich Sina Lindemann und Fabien Borchert um. Die beiden Berufsschüler stehen in einem Zelt, es soll die Gebärmutter nachempfinden. Plötzlich ertönt laute Musik. „Im vierten Monat ist das Hörorgan ausgebildet“, erklärt Rilana Jock von der Pro-Familia-Schwangerenberatungsstelle. „Das Baby macht alles mit, was die Mutter auch macht. Auch den Besuch in der Disko.“ Sina Lindemann selbst möchte auch einmal Kinder. „Meine Mutter ist gerade schwanger. Im Juni ist es soweit“, erzählt die 20-Jährige, die eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau macht. Die Ausstellung „Zero“ besucht sie mit weiteren Berufsschülern.

An den Zeltwänden hängen kleine Säcke, sie werden immer größer und schwerer, bis 3400 Gramm drauf steht. „So schwer ist im Schnitt heute ein Baby bei der Geburt“, erklärt Rilana Jock. Vom Wunder der Geburt, vom Erleben einer Schwangerschaft... davon soll die Ausstellung erzählen. Doch auch davon, was passieren kann, wenn eine Schwangere Alkohol trinkt. „Wir erleben ein Aha-Erlebnis bei sehr vielen“, erzählt Uta Eichel, Netzwerkkoordinatorin Frühe Hilfen beim Landkreis Ludwigslust-Parchim. Noch bis zum 23. März wandert die Ausstellung des Vereins FASD-Netzwerk Nordbayern durch den Kreis. An verschiedene Schulen, um das Thema „Fetales Alkohol-Syndrom“ (FAS) möglichst breit zu streuen. „Noch immer wissen viele nicht, was Alkohol alles anrichten kann. Mit dem Thema wird noch immer recht locker umgegangen“, sagt Ilona Jungbluth, Schulsozialarbeiterin am Regionalen Beruflichen Bildungszentrum des Landkreises am Standort Ludwigslust. Nur ein Glas Wein reiche aus, um das Ungeborene zu schädigen. „Niemand kann sagen, wann welche Organe oder welches Arreal im Gehirn geschädigt wird. Deshalb heißt die Ausstellung auch Zero – kein Schluck, kein Risiko“, verdeutlicht Uta Eichel. Gemeinsam wolle sie mit Rilana Jock und den beiden Schulsozialarbeiterinnen Anne-Kathrin Prestin und Ilona Jungbluth aufklären. Vor gut einem Jahr haben sie sich dafür zusammengesetzt, um die Kampagne „Zero“ vom Süden in den Norden zu holen.

In der nachempfundenen Gebärmutter fragt Rilana Jock die jungen Erwachsenen, wie lange es braucht, um 0,8 Promille abzubauen. Ein Erwachsener braucht dafür acht Stunden. Richtig. „Und das Baby im Bauch der Mutter? Wie lange braucht es?“ Die Jugendlichen wissen es nicht. „Zehnmal so lange.“ Zwischen drei bis vier Tage braucht das Ungeborene, um den Alkohol abzubauen, denn auch das Baby hat 0,8 Promille Alkohol. Das Zellgift gelangt ungefiltert in den Blutkreislauf des Kindes – könne so schwerwiegende Schäden anrichten. „Mitunter können die Kinder nicht richtig hören oder laufen. Der Kopf ist zu klein“, erklärt Uta Eichel einige Schäden. Ein Leben lang bräuchten die Menschen Unterstützung – die seelische Reife bei einem 18-Jährigen mit FASD entspricht dem eines Sechsjährigen. „Allein im vergangenen Jahr wurden 10 000 Babys geboren, die beeinträchtigt sind, weil die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat“, erklärt die Netzwerkkoordinatorin vom Landkreis den Jugendlichen. Auch wenn vielen nicht bewusst gewesen ist, welche Auswirkungen bereits ein Glas Wein oder Bier haben könne, steht für die Mehrheit der jungen Frauen und Männer fest: Kein Alkohol, kein Risiko. „Für mich ist es selbstverständlich, dass meine Freundin weder rauchen noch trinken würde“, sagt Daniel Kruse. Nicht nur der 21-Jährige würde auf seine Freundin achten, auch Sebastian Tantow sieht es so. „Das ist beim Rauchen auch so. Wenn ich weiß, dass meine Freundin schwanger ist, würde ich in ihrer Gegenwart nicht mehr rauchen“, sagt der 24-Jährige.

Auch wenn es nicht messbar sei, wann das Kind Schäden durch mütterlichen – oder auch väterlichen – Alkoholkonsum davontrage, könne eines sicher vorausgesagt werden: FASD ist zu 100 Prozent vermeidbar. „Nämlich dann, wenn bereits bei Kinderplanung die Frau absolut keinen Alkohol mehr trinkt“, sagt Uta Eichel. Getreu dem Motto der Ausstellung „Zero – Alkohol? Kein Schluck – kein Risiko.“

Hintergrund: FASD

Allein in Deutschland kommt in jeder Stunde ein Baby mit der Fetalen Alkohol-Spektrumsstörung – kurz FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) –  zur Welt. Mindestens jedes 100. Baby ist also betroffen. Zudem ist FASD die häufigste nicht genetische geistige Behinderung und komme doppelt so häufig vor wie das Down-Syndrom.

Die Schädigungen – ob körperlich oder geistig – sind unheilbar. FASD ist eine Krankheit, eine Behinderung. Durch mütterlichen Alkoholkonsum können Hirnschäden, Minderwuchs, Gesichtsfehlbildungen... entstehen. Auch seelisch und geistig kann es Folgen haben wie Aggressionen, Schmerzunempfindlichkeiten, Sprachstörungen, Intelligenzminderung, Hyperaktivität... Dabei ist FASD zu 100 Prozent vermeidbar, in dem kein Alkohol getrunken wird, denn „eine sichere Alkoholgrenze, bei der keine Schädigungen auftreten, gibt es nicht“, sagt Prof. Dr. Hans-Ludwig Spohr, vom FASD-Zentrum Berlin.

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