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Ludwigsluster Tageblatt

20. November 2017 | 23:52 Uhr

Beängstigende Ruhe an den Deichen

vom

svz.de von
erstellt am 09.Jun.2013 | 08:36 Uhr

Dömitz | Ein in den reißenden und stetig steigenden Fluten der Elbe treibender Jagdhochsitz bekräftigte gestern Früh die Dömitzer Detlef Fähnrich und Sohn Jens, das ihre freiwillige Hilfe als Deichwachen ein guter und notwendiger Beitrag für die Abwehr des sich immer deutlicher abzeichnenden Jahrhunderthochwasser 2013 ist. Der 72-jährige Rentner und sein 45-jähriger Sohn gehören zu den ersten Helfern als Deichwachen, die in der gestrigen Nacht und auch weiterhin rund um die Uhr auf den Deichverteidigungswegen nach Beschädigen der wassernahen Areale, großem Treibgut, Verwirbelungen im Uferbereich und Sickerstellen an der dem Wasser abgewandten Seite schauen.

In aller Herrgottsfrühe treffen sich die jeweils ersten sechs freiwilligen Helfer bei der Gerätehäusern in Heiddorf, Rüterberg und Dömitz. Ruheständler Detlef Fähnrich und sein Sohn erhalten in Dömitz mit dem ersten Kaffee kurz vor 5 Uhr eine detailliert beschriftete Karte, die ihnen den Kontrollgang der kommenden, zehn Kilometer langen Wegstrecke erleichtert. Mit dem Bedienen des Funkgerätes dauert es dann doch beim Senior etwas länger, als mit dem Überstreifen der Warnweste. Schnelligkeit haben der Polzer Wehrleiter Steffen Sohst und seinem Truppführer Mathias Gähnke aber auch nicht verlangt. Vielmehr ist das geschärfte Auge für Unregelmäßigkeiten entlang der bereits von der Elbe mächtig angefluteten Deiche gefordert.

Punkt 5.15 Uhr machten sich Rentner Detlef, Tischler Jens und Border-Collie "Max" mit einen Satz Markierungsstöcke auf den Weg vom Feuerwehrgerätehaus in Richtung Brodaer Deich. Das frühe Erscheinen von Menschen kommt dann doch für zahlreiche Rehe überraschend, denn damit ist auch das Ende ihrer Äsung im satten Grün am Amtsdeich gekommen. Etwas Sickerwasser hat sich zwischen dem ungemähten Gras am Rand des Stadtwaldes breit gemacht. Doch das ist kein Grund einen Markierungsstock zu setzen und über Funk bei Steffen Sohst zu alarmieren. Das hätte auch gar nicht funktioniert, wie sich später gegen 7.15 Uhr unmittelbar vor der Dömitzer Straßenbrücke herausstellen sollte. Es gab keinen Empfang. Und noch ein wichtiges Detail muss Amtswehrführer Fred Neumann mit dem Katastrophenabwehrstab regeln: Gleich zwei Trupps der Deichläufer werden von Polizisten aus Niedersachsen an der Dömitzer Elbbrücke am Betreten des Deiches gehindert. Sie würden lediglich, jedoch strikt ohne Ausnahme, solch ein Betreten unterbinden; es sei denn, die Personen können sich ausweisen, dass sie hoheitliche Aufgaben ausüben. Für die Deichläufer schien so viel dienstlich korrektes Verhalten überzogen, doch alles Reden half nichts. Derartige Pannen sollen sich aber nicht mehr wiederholen, hieß es vom Amtswehrführer.

Während sich "Max" um 7.45 für eine tote Ringelnatter auf dem Deichverteidigungsweg zwischen Brücke und Pegelhaus interessiert, sehen die beiden Kontrolleure den Hochsitz, der zum Spielball des Elbestromes geworden war. Das Wasser der Elbe schoss in ganzer Breite lautlos talwärts. "Eine beängstigende Ruhe, wenn man so wie wir früh morgens auf den menschenleeren Deichen unterwegs ist", meinte Jens Fähnrich mit Sorgenfalten um 8 Uhr am Elbepegel: Bei 6,55 Meter schwappt das Hochwasser gegen die Anzeige.

Weiter führt der Kontrollgang die Männer in Richtung Hafen. Eine Mutter nutzt die morgendliche Ruhe und schiebt ihr Baby im Kinderwagen am Schutzwall in Richtung Festung. Noch gute zwei Kilometer. Detlef Fähnrich schüttelt plötzlich den Kopf, beginnt zu schmunzeln und schaut einen mächtigen Weidenbewuchs im Hochwasser an. "Damals wurde die Weidenpracht mit Fördermitteln gepflanzt, um den Elbefluss zu bremsen. Bald wird das Stück Natur wohl abgeholzt, bezahlt mit Landesmitteln. Da soll noch einer bescheid wissen." Keine fünf Minuten mehr, dann sind die zehn Kilometer Deichkontrolle geschafft. "Max" nutzt die Chance und springt im Dömitzer Hafen noch einmal ins Hochwasser. Der Anleger ist schon fast so hoch aufgeschwommen, dass er in den nächsten Stunden droht, seinen Halt zu verlieren. Die Hafengastronomie auf der anderen Seite des Hafenbeckens hat bereits den größten Teil der Parkplätze durch Überflutung verloren. In Dömitz selbst bleibt alles ruhig. Detlef und Jens Fähnrich haben es um 8.15 Uhr geschafft. Noch ein Bericht geben, einen Becher Kaffee trinken und sich eine Bockwurst schmecken lassen, dann ist erst einmal Sonntag.

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