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Ludwigsluster Tageblatt

23. August 2017 | 21:44 Uhr

Ludwigslust : Baum-Unglück wirft Fragen auf

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Stadt Ludwigslust hatte Kastanien und Linden begutachten lassen / Sachverständiger: 100-prozentige Sicherheit nicht möglich

Im Fall des von einer umstürzenden Kastanie getöteten Ludwigslusters (SVZ berichtete) hat die Polizei ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Das teilte Polizeisprecher Klaus Wiechmann gestern mit. Die Staatsanwaltschaft werde in diesem Zusammenhang ein Gutachten zu den sichergestellten Wurzelproben in Auftrag geben. Eine Windböe hatte am Montagmittag die Kastanie an der Klenower Straße entwurzelt und einen 71-Jährigen erschlagen.

Nach dem tragischen Geschehen stellen sich mehrere Fragen, unter anderem jene nach dem Baumgutachten. Ein Gutachter hatte die bis zu 80 Jahre alten Kastanien und Linden im März 2013 untersucht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass von der gesamten Allee acht Bäume wegen umfangreicher Schäden abgenommen werden müssen. Andreas Bonin, Sprecher des Landkreises: „Durch die Stadt Ludwigslust, als verantwortlicher Verkehrssicherungspflichtiger, wurde mit Datum vom 3. April 2013 (…) die Fällung von fünf Kastanien und drei Linden beim Landkreis, untere Naturschutzbehörde, beantragt. Der jetzt umgestürzte Baum gehörte nicht zum Antrag.“ Der Landkreis habe im Juli 2013 die Fällung der beantragten Bäume genehmigt. Laut Bonin sei beim Landkreis nicht bekannt gewesen, dass die Stadt die Absicht gehabt habe, weitere Bäume abzunehmen. Bürgermeister Mach hatte zuvor gegenüber SVZ gesagt, dass er sich bereits vor Baubeginn in der Klenower Straße dafür ausgesprochen habe, dort alle Bäume abzunehmen und später neue zu pflanzen. Gestern begründete er nochmals seine Meinung: „Die sanierte Klenower Straße soll 50 Jahre halten. Trotz Gutachten wissen wir nicht, inwieweit die viele Jahrzehnte alten Bäume zum Beispiel durch Straßenbauarbeiten in der Vergangenheit geschädigt worden sind. Man kann die Bäume schließlich nicht von unten ansehen.“ Die Stadt befürchtet, dass in den kommenden Jahren marode Bäume gefällt werden müssen oder gar umstürzen würden.

Wie Reinhard Mach bestätigte, wurde die jetzt umgestürzte Kastanie vor wenigen Wochen nochmals von einem Gutachter untersucht. Es habe Hinweise auf einen Hohlraum im Kronenbereich gegeben. Der Gutachter sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sache bezüglich der Bruchsicherheit unproblematisch sei.

Auch wenn der Baum jetzt nicht gebrochen, sondern umgestürzt ist, stellt sich für viele Menschen die Frage, welche Sicherheit Gutachten bieten können. „Eine 100-prozentige Sicherheit kann niemand gewährleisten“, stellte Gernot Hübner, öffentlich bestellter und vereidigter Gehölzsachverständiger aus der Nähe von Greifswald, klar. „Ein Baum ist ein Lebewesen und unterliegt ständigen Veränderungen.“ So könne ein bis dahin gesunder Baum innerhalb eines Monats seine Standfestigkeit verlieren, wenn er vom holzzersetzenden Brandkrustenpilz befallen wird. Die Kontrolle der verkehrssicherungspflichtigen Gehölze, etwa an Straßen, Wegen, Spielplätzen oder Parks, muss allerdings nur alle zwölf Monate erfolgen. „Sie muss in einem schriftlichen Protokoll dokumentiert werden“, so Gernot Hübner, der für das Kommunale Studieninstitut MV Lehrgänge zur Baumkontrolle für Verwaltungsmitarbeiter leitet. „Eine gehölzkundige Fachkraft weiß, wie Auffälligkeiten zu deuten und ob sie sicherheitsrelevant sind“, so der Sachverständige.

Während ein Kontrolleur für seine Sichtprüfung am Boden bleibt, steigt der Gutachter mit technischen Hilfsmitteln auch in die Krone. Wurzeln freizulegen oder den Stamm anzubohren, gehöre nicht zu den Standard-Methoden des Sachverständigen und sind auch nicht vorgeschrieben. „In der Regel zeigt ein kranker Baum genügend Symptome nach außen“, so Hübner. Die müsse ein Gutachter erkennen. Aber es komme eben auch vor, dass Schädigungen nicht erkennbar sind.

Diese Auffassung unterstützt der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Urteil, das im März 2014 verkündet wurde. „Andererseits ist die Erkrankung oder Vermorschung eines Baums von außen nicht immer erkennbar“, heißt es in der Begründung dazu. „Das gebietet aber nicht die Entfernung aller Bäume aus der Nähe von Straßen oder öffentlichen Parkplätzen oder eine besonders gründliche Untersuchung jedes einzelnen Baumes (…) es ist unmöglich, den Verkehr völlig risikolos zu gestalten.“



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erstellt am 15.Apr.2014 | 19:30 Uhr

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