zur Navigation springen

"Die Aufklärer" ließen Schüler sich ausprobieren : Barrieren Behinderter überwinden

vom

"Unvorstellbar, nicht sehen zu können!" - Der kerngesunden 19-jährigen Anna schaudert es vor dieser Tatsache, nach dem sie die Augenbinde nach einem Ballspiel in der Sporthalle des Gymnasiums wieder abgelegt hatte.

svz.de von
erstellt am 15.Apr.2011 | 02:45 Uhr

Ludwigslust | "Unvorstellbar, nicht sehen zu können!" - Der kerngesunden 19-jährigen Anna Serimov schaudert es vor dieser Tatsache, nach dem sie die Augenbinde gestern nach einem Ballspiel in der Sporthalle des Ludwigsluster Gymnasiums wieder abgelegt hatte. So wie die Heranwachsende, erlebten 85 Mitschüler im Verlauf eines Aktionstages, wie durch Behinderung benachteiligte Menschen mit ihrem Alltag zurecht kommen. "Die Aufklärer" zeigten gemeinsam mit der Ludwigsluster Ortsgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes M-V, welche Höchstleistungen Behinderte in der Freizeit und bei der Arbeit zu leisten vermögen. Der dafür nötige körperliche und geistige Aufwand, den versuchten die Schüler der Klassen elf aufzubringen.

Es war gestern bereits das zweite Mal, dass solch ein Aktionstag am Goethe-Gymnasium stattfindet, berichtete Ramona Stein, Schulsozialarbeiterin am Gymnasium, die diesen Tag gemeinsam mit der Präventionsbeauftragten Kathrin Reuter organisiert hatte. Vor drei Jahren kam Stein von der Regionalschule Grabow ans Gymnasium und erkannte, dass dort mehr als Lernen angesagt war. Sie schuf Workshops, die trotz dafür erforderlicher Nachmittagsstunden aktuell immer noch gern von Schülern aufgesucht werden. "Dort werden viele soziale Konflikte gelöst, viel soziale Kompetenz geschaffen", weiß die Sport- und Geschichtslehrerin.

Die Jugendlichen beschäftigte weniger die Behinderungen der Akteure, vielmehr interessierte, wie Blinde sich zurechtfinden, wie Querschnittsgelähmte Sport auf höchsten Niveau treiben können. Antworten gab es unter anderen von Heidi Lübcke aus Ludwigslust, die über ihr Leben mit ihrem 18 000 Euro teuren Blindenhund informierte, der jedoch für die seit dem dritten Lebensjahr Erblindete weit aus wertvoller ist. Die Krankenkasse hat den Batzen Geld für den "Hindernisumgeher" gezahlt. Der weiße Stock dient hingegen als "Hindernisfinder".

Als frisch gebackener Deutscher Meister im Rollstuhl-Säbelwettkampf unterstützte der stark gehbehinderte Steffen Nordmann aus Rostock die Schüler beim Goalball für Sehbehinderte. Rüdiger Börst ist hingegen seit Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch der Parchimer Landessportwart vom Verband für Behinderten- und Rehabilitationssport (VBRS) in M-V tanzte mit Schülerinnen im atemberaubenden Tempo. Und auch Jan Beckmann kennt als Rolli-Nutzer keine Hürden, um Rollstuhl-Rugby oder Handbike-Rennen zu bestreiten. Für ihn gehört Sport zum ganz normalen Alltag.

Der 17-jährige Merlin Hüsung war sichtlich erschöpft, als er nach einem Ballspiel aus dem Rollstuhl stieg und meinte. "Wenn du da wieder raussteigst, bleibt was haften." Julian Weyer meinte, dass er sich "schon kleiner" fühlte, als er im Handbike saß. Der gleichaltrige Philipp Klein machte nicht nur mit, er koordinierte den Aktionstag. Für ihn war die Nähe zu den Behinderten wichtig. "Die Schüler sehen, das Behinderung zum sozialen Miteinander, zum Alltag gehört. Die Barrieren müssen sich in den Köpfen Gesunder wie Behinderter auflösen. Solche Aktionstage stärken das Verständnis füreinander und gegen Ausgrenzung", hofft Ramona Stein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen