Ludwigslust : Aus jedem Land ein Gericht

Köchin Agnieszka aus Polen bekommt Unterstützung von Hanofa aus Syrien.  Fotos: Thomas Stengel
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Köchin Agnieszka aus Polen bekommt Unterstützung von Hanofa aus Syrien. Fotos: Thomas Stengel

Projekt „Bunte Küche“ kocht mit Flüchtlingsfrauen im Awo-Kreisverband nationale Speisen / Austausch von Erfahrungen und Kulturen

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17. Juni 2015, 21:00 Uhr

Über den Tellerrand zu gucken, nimmt der Awo-Kreisverband Ludwigslust-Parchim nicht nur sprichwörtlich. Beim Projekt „Bunte Küche“ treffen Menschen aus verschiedensten Kulturen aufeinander und kochen zusammen Nationalgerichte. „Uns geht es darum, den Menschen, die nach Deutschland kommen, nicht nur etwas zu erzählen, sondern auch Dinge aus ihren Kulturen anzunehmen“, erklärt Awo-Kreisverbands-Koordinatorin für Migration, Kerstin Finger.

Auf der Speisekarte stand beim vergangenen Projekttag ein bunter Gemüsesalat nach polnischer Tradition mit Mais, Karotten, sauren Gurken, Kartoffeln und Zwiebeln. Köchin Agnieszka besorgte sich extra für ihr polnisches Gericht originale Mayonnaise aus ihrem Heimatland. „Wir wünschen uns einen internationalen Supermarkt hier in Ludwigslust“, sagt Kerstin Finger mit einem Zwinkern. Schließlich bräuchten die Gerichte aus aller Welt spezielle Zutaten. Die aus Syrien stammende Hanofa erzählt, dass sie sich vor allem Gewürze, wie besonderen Pfeffer, in Hamburg kaufen müsse. „Dieser Pfeffer ist schärfer“, erklärt sie. Auch speziellen Kaffee, Bulgur – couscousähnliche Weizengrütze, die besonders in der Küche des Nahen Ostens Verwendung findet– oder Weintraubenblätter gibt es nicht in der Region zu kaufen.

Obwohl die Frauen aus unterschiedlichen Ländern stammen, verbindet sie eines: die Asylbewerbung. Bei einer kleinen Koch-Pause genießen sie ihren Tee, naschen am serbischen Brot, lachen zusammen und erzählen sich die Geschichten ihrer Flucht. Vor vier Jahren kam Joyce Amoafo aus Ghana nach Ludwigslust. Doch ein Bleiberecht hat sie bislang noch nicht erhalten. Alle drei Monate muss die gelernte Frisörin beantragen, dass sie weiterhin in Deutschland geduldet wird. „Ich würde so gern arbeiten“, sagt sie. Doch Bewerbungen in Ludwigslust verlaufen im Sande.

Nicht förderlich sei zudem die Residenzpflicht. Asylsuchenden werde vorgeschrieben, wo sie sich während des Asylverfahrens aufzuhalten haben. Auch wenn Joyce sich auf Stellen in Schwerin und Hamburg bewerben würde, müsste sie täglich nach Ludwigslust zurückkehren. „Doch Autofahren ist Menschen aus nichteuropäischen Ländern in Deutschland untersagt“, erklärt Kerstin Finger. Dazu komme, dass Menschen wie Joyce keine Fahrkosten erstattet bekommen würden. „Und dann heißt es: Faule Ausländer – sitzen den ganzen Tag nur in ihrer Wohnung, statt sich Arbeit zu suchen“ habe eine Frau zu Elehah Fakherynik aus dem Iran erst kürzlich auf einer Tagung gesagt. Die Iranerin war selbst Flüchtling und arbeitet heute bei der Awo als Flüchtlingsberaterin. „Viele wissen eben nicht um die Problematik Bescheid, denken, Ausländer könnten wie die Deutschen ganz einfach arbeiten gehen“, sagt Elaheh.

Der Treffpunkt bei der Awo-Ausländerberatung und Projekte wie die durch die Wir-Initiative geförderte „Bunte Küche“ lassen die Alltagssorgen der Asylbewerber für kleine Momente in den Hintergrund rücken. Fast alle der Frauen sprechen fließend Deutsch. „Doch an einem Integrationskurs dürfen sie erst mit genehmigtem Asylantrag teilnehmen“, erklärt Kerstin Finger. „Mindestens fünf Jahre dauert es, um in Deutschland Fuß zu fassen“, so die 49-Jährige weiter.

Die 37-jährige Joyce möchte zukünftig das zehnköpfige Team der Awo-Ausländerberatung unterstützen und als ehrenamtliche Dolmetscherin arbeiten. „Einfach nur, damit ich nicht rumsitzen muss“, sagt sie. Die Kochkurse will sie weiterhin besuchen und selbst mal ein Gericht aus Ghana kochen: Fufu – ein Brei aus Kartoffelmehl, verfeinert mit Zwiebeln, Tomaten und Hühnchen.

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