ludwigslust/bentwisch : Aus der Garage an die Weltspitze

Die Fertigungssysteme aus dem Hause Rattunde sind einzigartig in der Welt. Ulrich Rattunde (l.) kann auf ein gutes Team – hier Eric Krämer (M.) von der Abteilung Forschung & Entwicklung und Schulungsleiter Stephan Klan – bauen.
Die Fertigungssysteme aus dem Hause Rattunde sind einzigartig in der Welt. Ulrich Rattunde (l.) kann auf ein gutes Team – hier Eric Krämer (M.) von der Abteilung Forschung & Entwicklung und Schulungsleiter Stephan Klan – bauen.

Kaltkreissäge-Fertigungssysteme der Firma Rattunde sind einzigartig / Firmengründer hat bereits 177 Patente – und „sammelt“ weiter

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07. April 2017, 07:00 Uhr

Die 30 Urkunden in Ulrich Rattundes Büro sind nur die Spitze des Eisberges. Tatsächlich nennt der Ludwigsluster Unternehmer 177 Patente sein Eigen, weitere 47 sind angemeldet, aber noch nicht erteilt. „Die Zahlen kannte ich bisher gar nicht“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Rattunde & Co GmbH. „Eine Mitarbeiterin hat erst zusammengezählt.“ Hinter den Patenten stecken 30 Erfindungen rund um das Kaltkreissäge-Fertigungssystem des Unternehmens, das es so kein zweites Mal auf der Welt gibt. „Sie müssen in jedem Land extra zum Patent angemeldet werden“, so Ulrich Rattunde.

Dass aus ihm ein Erfinder werden könnte, hatte sich schon in der Kindheit abgezeichnet. „Meine Modellbausteine habe ich nie nach Vorlage zusammengesetzt“, erzählt der 54-Jährige. „Mir hat es mehr Spaß gemacht, eigene Kreationen zu entwickeln.“ Als Jugendlicher hat er dann viel an seinem Motorrad herumgeschraubt. „Aber das hat ja jeder gemacht“, schränkt der Bentwischer (Prignitz) ein. Doch bei ihm wurde aus dem Tüfteln ein Beruf.

Nach Ausbildung zum Elektromonteur und Maschinenbaustudium fing Ulrich Rattunde 1986 bei Hydraulik Schwerin an – in der Softwareentwicklung. Als die Wende kam, wagte er gemeinsam mit Studien- und Arbeitskollegen den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie gründeten im April 1990 die Rattunde & Co GmbH. Einzige Produktionsstätte war die Garage auf dem heimischen Grundstück. Einziger Produktionsmitarbeiter war zunächst Ulrich Rattunde selbst. Seine Partner kamen nach Feierabend und am Wochenende dazu. Die erste – und einzige – Maschine, die in der Garage entstand, war schon eine Trennmaschine für Rohre. „Mit unseren heutigen ACS-Fertigungssystemen hatte sie allerdings nichts gemein, sie war aber der Einstieg in die Branche der Rohrhersteller“, so Ulrich Rattunde.

Die Zahl der Mitarbeiter wuchs in der Folge schnell, eine LPG-Werkstatt diente als Produktionsstätte, bevor das Unternehmen 1995 nach Ludwigslust in die Bauernallee zog. Vier Jahre später entschieden Ulrich Rattunde und Martin Proksch, inzwischen einziger Mit-Gesellschafter und Mit-Geschäftsführer im Unternehmen, sich vom Sondermaschinenbau zu verabschieden. „Beim Bau von Sondermaschinen besteht immer das Risiko, ob sie am Ende funktionieren oder nicht“, erklärt Ulrich Rattunde. „Außerdem brauchte man dazu Allround-Talente als Mitarbeiter, wenn man als noch kleines Unternehmen sehr große Projekte realisieren will. Und die waren immer schwieriger zu finden.“

Und so beschlossen die beiden Eigentümer, sich auf Kaltkreissäge-Fertigungssysteme für Rohr- und Vollmaterial zu spezialisieren, die universell für unterschiedliche Materialien, Abmessungen und Rohrlängen genutzt werden können. Und da war der Erfinder Ulrich Rattunde gefragt – und auch ein bisschen unter Druck. „Wir hatten im April 1999 entschieden, dass wir die neue Maschine schon auf der Messe ,Tube’ im April 2000 präsentieren wollen“, erinnert sich der 54-Jährige. „Unsere Maschine sollte sehr genau und hochproduktiv sein und nicht mehr hydraulisch, sondern mit elektrischen Antrieben fürs Vorschieben und Spannen arbeiten. Ob der Markt das auch toll findet, wussten wir nicht.“

Zur Rohr-Fachmesse „Tube“ war die Maschine tatsächlich fertig – fast jedenfalls. „Für eine Rohrabmessung lief sie schon super, aber die Software für die Umstellung auf andere Durchmesser, Stärken, Längen und Materialien war noch nicht fertig.“ Doch das habe er seinem Partner, der das erste ACS-Fertigungszentrum in Düsseldorf präsentierte, erst nach der Messe erzählt, so Rattunde.

Bis zum ersten Patent sollten aber noch ein paar Jahre vergehen. 2004 wurde es für ein Trennverfahren erteilt. „Ich habe auch vorher schon Erfindungen gemacht, die ich hätte anmelden können“, so Ulrich Rattunde. „Aber als junges Unternehmen, das fast ohne eigenes Geld aufgebaut wurde, mussten wir Prioritäten setzen.“ Und eine Patentanmeldung koste nun einmal viel Zeit und Geld.

Die Grundkonstruktion der 2000 vorgestellten Maschine, die sägen, bürstenentgraten und messen konnte, existiert bis heute. „Sie wurde aber immer weiter verbessert und um weitere Funktionen ergänzt.“ Die komplexesten Fertigungssysteme können heute auch noch anfasen, waschen, Messprotokolle führen und die Werkstücke stapeln. Außerdem stieg die Produktivität – beim Einfachschnitt von 2000 Stück pro Stunde auf mittlerweile 3250 und im Mehrfachschnitt bis auf 15 000 Stück pro Stunde.

Der Anstoß für neue Erfindungen ist unterschiedlich. „Mal ist es eine Anforderung von Kunden, mal eine eigene Idee für eine gänzlich neue Sache, von der der Kunde noch gar nicht weiß, dass er sie braucht“, erklärt Ulrich Rattunde schmunzelnd. Die Erfindungen dann patentieren zu lassen, ist für das Unternehmen inzwischen enorm wichtig. Allerdings nicht, um mit Lizenzgebühren Geld zu verdienen. „Mit den Patenten stellen wir sicher, dass wir unsere eigenen Erfindungen auch bauen dürfen“, so der Firmenchef. Das wäre nämlich vorbei, wenn ein anderer nicht geschützte Ideen zum Patent anmeldet.

Dank der Erfindungen von Ulrich Rattunde ist aus der kleinen Garagenfirma in 27 Jahren ein Unternehmen mit Weltruf geworden. Doch den „Ruhm“ will der Chef nicht für sich allein. „Sicher muss man Ideen haben, aber das ist nicht alles. Man braucht auch gute Partner und Glück.“


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