Ludwigslust : Aus dem Grenzgebiet ausgesiedelt

Der ablehnende Bescheid vom Rat des Kreises Hagenow.
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Der ablehnende Bescheid vom Rat des Kreises Hagenow.

1961 musste Ludolf Schlage den elterlichen Hof in Gothmann verlassen / Als Zeitzeuge fährt er heute bei Grenz-Radtour mit

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09. Juli 2015, 08:17 Uhr

„DDR kein Unrechtsstaat“. „Dank an Volkspolizisten“. Wenn Ludolf Schlage solche Schlagzeilen liest, steigt die Wut in ihm hoch. Als 23-Jähriger war er aus Gothmann bei Boizenburg zwangsausgesiedelt worden. Bis heute weiß er nicht warum. „Wenn ich solche Aussagen von Ministerpräsident Sellering oder jetzt den Linken höre, kommt die alte Geschichte immer wieder hoch“, sagt der 78-Jährige. Den Teilnehmern der gestern gestarteten Radtour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze unter dem Motto „Auf den Spuren der deutschen Teilung bis zur Deutschen Einheit 1945 bis 1990“ wird er sie erzählen. Er gehört zu den Zeitzeugen, die unterwegs für Gespräche zur Verfügung stehen.

Es war der 3. Oktober 1961. „Gegen 6.30 Uhr fuhren ein Bus mit Kampfgruppenmitgliedern, ein Pkw der Volkspolizei und ein Lkw auf den Hof meines Vaters. Irgendjemand schrie nach Ludolf Schlage“, erinnert sich der Techentiner. Weil Vater und Sohn so hießen, war zunächst gar nicht klar, wer gemeint war. „Der ABV (Abschnittsbevollmächtigte der Polizei, d.Red.) teilte mir dann mit, dass ich mit meiner Familie innerhalb von zwei Stunden das Sperrgebiet zu verlassen habe“, erzählt Ludolf Schlage. Seine Familie – das waren er, seine gleichaltrige Ehefrau sowie der gerade 16 Monate alte Sohn Volker. Einen Grund für die Ausweisung erfuhren sie nicht. Stattdessen wurde gleich begonnen, die Möbel auf den Hänger des Lkw zu laden. „Eine Couch, das Schlafzimmer, zwei Teppiche und vier Stühle. Mehr hatten wir damals noch nicht. Wir waren ja erst zwei Jahre verheiratet und wohnten bei meinen Eltern“, erzählt Ludolf Schlage. „Man behandelte uns aggressiv und wie Verbrecher.“

Mit dem Lkw ging es 130 Kilometer weit bis nach Tacken im Kreis Perleberg. „Gegen 14.30 Uhr kamen wir in der zugewiesenen Wohnung an. Sie war erst in der Nacht zuvor renoviert worden und feucht, es gab Ratten, aber weder eine Innen- noch eine Außentoilette“, erinnert sich der Techentiner. Am nächsten Tag nahm er die ihm zugewiesene Arbeit auf – als Traktorist in der LPG. „Mein Brigadier sorgte dafür, dass eine Toilette gebaut wurde.“ Von ihm erfuhr er auch, dass regelmäßig nachgefragt wurde, wie sich die Familie verhält. „Wir mussten also ständig auf der Hut sein, waren nie unbeobachtet.“

Die erforderliche Genehmigung, um Eltern und Schwiegereltern im Grenzgebiet besuchen zu können, gab es fast zehn Jahre nicht. Erst als Ludolf Schlages Vater 1970 starb, durfte er zur Beerdigung nach Boizenburg fahren – begleitet von seinem Brigadier. Versuche, zumindest in die Nähe der Eltern zu ziehen, schlugen erst recht fehl. So kam vom Rat des Kreises Hagenow 1966 die Antwort, dass „auf Grund der bestehenden Bestimmungen dem Zuzug nicht zugestimmt wurde“. Drei Jahre später gelingt es mithilfe eines Bekannten doch, in den Kreis Ludwigslust zu ziehen – nach Techentin. „Wir haben die Behörden und das Amt für Inneres nicht verständigt.“

„Wir wissen bis heute nicht sicher, warum wir ausgewiesen wurden“, sagt Ludolf Schlage. Auch seine Stasi-Akte gab auf diese Frage, die ihn seit Jahrzehnten quält, keine Antwort.  

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