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Ludwigsluster Tageblatt

22. November 2017 | 21:44 Uhr

Dömitz : Auf der Walz mit Heinrich Heine

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Anna Magdalena Bössen entdeckt Deutschland auf dem Fahrrad: Gegen Kost und Logis rezitiert sie Gedichte – auch in Dömitz

von
erstellt am 17.Okt.2014 | 17:59 Uhr

Sie wird schon erwartet. Als Magdalena ihr Trekkingrad durch die Toreinfahrt vor dem alten Bauernhaus An der Tongrube schiebt, kommt ihr Eva-Maria Lauterfeld entgegen. „Willkommen in Rüterberg.“ Der Tisch ist gedeckt. Das Bett frisch bezogen. Alles, was Magdalena jetzt noch braucht, ist eine heiße Dusche und eine Waschmaschine für die durchnässten Klamotten. Sechzig Kilometer ist sie heute gefahren. Am Tag davor waren es 120. Sie ist auf der Walz. Nicht mit Wanderstock und Meterstab. Sondern mit Knickerbocker und Reisekoffer. So wie es die Dichter vor zweihundert Jahren taten. „Deutschland. Ein Wandermärchen“ – angelehnt an Heines Wintermärchen radelt die 34-Jährige durch ihr Heimatland. Im Frühjahr in den Norden, seit Sommer durch den Osten. Nächstes Jahr geht es in den Süden und den Westen. Die Route bestimmt nicht sie, sondern die Menschen, die in der Gegend wohnen. Denn Magdalena fährt dorthin, wo man ihr Kost und Logis bietet. Im Gegenzug tritt sie im Ort auf und rezitiert Gedichte. Mal in einem Wohnzimmer, mal in einer Turnhalle, in Rathäusern, Klassenzimmern oder draußen auf der Wiese. „In Dömitz habe ich richtig Glück gehabt“, sagt sie. „Hier bietet man mir gleich alles: Bett, Essen und Bühne.“ Die Familie, bei der sie wohnt, hat für sie am Abend ihrer Ankunft einen Auftritt im Rathaus arrangiert.

Meistens sind es Kost und Logis, die die Menschen ihr im Internet anbieten. „Manchmal werde ich auch nur lecker bekocht und ziehe dann weiter“, sagt Anna Magdalena. Besonders im Osten sei es schwieriger gewesen, private Unterkünfte zu finden. „Da musste ich auch mal in die Pension oder Jugendherberge.“

Als sie im Mai losfuhr, war sie fest davon überzeugt, dass sie mit jedem Kilometer stärker würde. „Ich dachte, ich bekomme eine dicke Haut. Aber das Gegenteil ist der Fall. Je länger ich unterwegs bin, desto sensibler werde ich.“ Körperlich sei sie gewachsen. Da konnte sie auch ein Hexenschuss kurz hinter Magdeburg nicht aufhalten. Innerlich aber sei sie manchmal mit dem Thema ihrer Reise überfordert. „Bin ich Deutschland – und wenn ja, wer sind wir?“ Mit dieser Frage war sie in Hamburg gestartet. Ein Grund war die Kampagne „Du bist Deutschland!“, die vor Jahren über die Fernsehbildschirme flimmerte. „Mich hat das provoziert. Ich wollte mir nicht vorschreiben lassen, wer ich zu sein habe, und mir meine eigenen Antworten suchen.“ Sie sammelt Meinungen, Lebensläufe, Stimmungen und Träume. Die Wendezeit wird ihr ständiger Begleiter. „Das Thema beschäftigt die Leute noch sehr“, sagt sie. „Der Bruch in den Biografien ist bei vielen bis heute nicht verheilt.“

Im Osten habe sie zwar weniger Einladungen zum Übernachten erhalten, dafür seien die Begegnungen mit den Menschen sehr persönlich gewesen. „Die Menschen sind hier sehr mit ihrer Heimat verbunden.“ Das spürt sie auch in Rüterberg. Eva-Maria Lauterfeld, bei der sie für zwei Nächte unterkommt, ist gebürtige Boizenburgerin, später ging sie aus beruflichen Gründen in den Westen und kehrte vor eineinhalb Jahren zurück in ihre Heimat. Von Anna Magdalena ist sie begeistert. „Ihre Idee, Kultur und Begegnungen auf diese Weise zu verbinden, ist einfach toll. Davon brauchen wir mehr. Vor allem hier“, sagt Lauterfeld. Nächstes Jahr im Mai macht sich die Gedichte-Erzählerin wieder auf die Reise. Dann Richtung Westen.

 

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