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Ludwigsluster Tageblatt

24. Oktober 2017 | 09:47 Uhr

Ludwigslust : Auf der Suche nach „Red Bow“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Amerikaner bergen Überreste eines abgeschossenen Kampffliegers in Ludwigslust / SVZ-Bericht von 2002 findet seine Fortsetzung

von
erstellt am 04.Jun.2014 | 07:00 Uhr

Das winklig ausgeschachtete Grabungsfeld liegt in der Nachmittagssonne. Daneben hantieren Männer an großen Sieben und begutachten jeden Quadratzentimeter des ausgehobenen Bodens. Hier erhält ein Kriegsdrama seine abschließende Fortsetzung, das sich am 4. April 1945 über Ludwigslust abspielte. An diesem Tag schoss ein hochmodernes strahlgetriebenes deutsches Jagdflugzeug vom Typ Me 262 einen amerikanischen Bomber vom Typ B 24 Liberator („Red Bow“) über Ludwigslust ab, wobei neun der zehn Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. SVZ hatte am 9. Februar 2002 schon einmal darüber berichtet.

Schon damals waren die Amerikaner daran interessiert, was aus den sterblichen Überresten von First Lieutenant Robert L. Mains und seiner Besatzung geworden ist. Lediglich der Techniker Sergeant Charles E. Cupp Jr. hatte sich mit dem Fallschirm retten können. Viele SVZ-Leser hatten damals ihre Erlebnisse aus den letzten Kriegstagen berichtet oder wiedergegeben, was sie von Augenzeugen gehört hatten. Letztlich verdichtete sich der Hinweis, die sterblichen Überreste seien auf einem amerikanischen Soldatenfriedhof in Belgien beigesetzt worden. „May be“ („Möglich“), sagt der erfahrene Archäologe Brad Sturm. Er arbeitet für die JPAC (siehe Erklärung unten). Denn die Amerikaner haben eine Bergungs- und Rückführungsmission gestartet. Für solche Aufgaben besitzt die JPAC insgesamt 18 Teams.


In der Luft auseinander gebrochen


Am 4. April 1945, so hatten es die Kameraden der Gefallenen beobachtet, war die Maschine in der Luft auseinander gebrochen und explodiert. „Im vorderen Teil der B 24 saßen drei und im Heck sieben Soldaten. Wenn sterbliche Überreste gefunden wurden, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht alle“, erklärt Sturm. Dies nunmehr zu Ende zu bringen, ist die Aufgabe der Mission. Alles biologische Material, alle Gegenstände, die eine Identifizierung ermöglichen, werden gesammelt und nach Hawaii geschickt, wo die Labor-Untersuchung folgt – einschließlich des Vergleichs von DNA-Spuren. Was sie in Ludwigslust bereits gefunden haben, darüber halten sich die Amerikaner bedeckt.

„Sie müssen das verstehen“, sagt der Archäologe. „Wir wollen bei den Angehörigen nicht vorzeitig Hoffnungen wecken, die sich anschließend nicht erfüllen.“ Bei ihrer Aufgabe gehen die Forscher sehr sorgfältig vor. Mit im Team ist übrigens auch die deutsche forensische Anthropologin Dr. Katrin Koel-Abt. Bevor die Rückführungsteams – es sind nach und nach mehrere im Einsatz – über den Ozean fliegen, ist genau geprüft worden, ob der Aufwand für eine Bergungs- und Rückführungsmission gerechtfertigt ist. Dazu war bereits 2007 ein Erkundungsteam in Ludwigslust. Gespräche, das Wälzen von alten Akten – schließlich hat sich ein Bild von der Absturzstelle ergeben. „Wir sind ziemlich sicher, dass hier die Trümmer des hinteren Teils der Maschine liegen.“ Brad Sturm blickt auf die aktuelle Ausgrabungsstelle. „Und den Rumpf werden wir auch bald haben.“

Der Archäologe hat viel recherchiert und ist sicher, dass die Besatzung des „Red Bow“ genannten Bombers an diesem Morgen auf einen damals berühmten deutschen Jagdflieger getroffen ist, den Major Heinrich Ehrler, der beim Jagdgeschwader 7 in Parchim stationiert war. Ehrler hatte bereits über 200 Abschüsse aufzuweisen und trug das Ritterkreuz. Der Deutsche hatte an diesem Morgen bereits eine B 24 abgeschossen, die „Red Bow“ wurde ebenfalls von einer seiner Raketen getroffen. „Schließlich war die Munition alle, also hat er ein drittes Flugzeug gerammt und ist in den Tod gegangen“, so Brad Sturm. Ehrler soll einen letzten Funkspruch an seinen Geschwader-Kommodore abgesetzt haben: „Wir sehen uns in Walhalla.“

Wann die Amerikaner ihre Mission in Ludwigslust beenden, das lassen sie offen. Gründlichkeit ist das Prinzip.

Joint POW/MIA Accounting Command
Das Joint POW/MIA Accounting Command (JPAC) ist eine Dienststelle der US-Streitkräfte mit Sitz auf Hawaii. Seine Aufgabe ist die Suche nach Kriegsgefangenen und vermissten Soldaten der US-Streitkräfte. Das Motto der rund 500 Soldaten und Zivilisten starken Behörde lautet: „Until they are home“ („Bis sie zu Hause sind“).

 

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