Ludwigslust : Auf der Bühne Selbstvertrauen getankt

Ist Güte in schlechten Lebensverhältnissen möglich? Die Laien-Schauspieler des Projektes „Frederick“ brachten eine eigene Version von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ auf die Bühne.
Ist Güte in schlechten Lebensverhältnissen möglich? Die Laien-Schauspieler des Projektes „Frederick“ brachten eine eigene Version von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ auf die Bühne.

Frederick-Ensemble verabschiedet sich mit eigener Fassung von „Der gute Mensch von Sezuan“ aus Ludwigslust Ein amüsanter Theaterabend mit Mehrwert

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28. Januar 2020, 05:00 Uhr

„Torsten! Zwei Dosen Mandarinen.“ Der Moderator von „Backen in Baracken“ – im wahren Leben Nils Walkenhorst – schickt seinen Helfer hin und her. Und Torsten läuft. Holt die Dosen. Kippt den Inhalt in eine Schüssel. Wirft das Blech hinter sich. Auf der Bühne im voll besetzten Saal des Zebef wird live gebacken. Die Szene ist Teil des Stücks „Der gute Mensch von Sezuan oder Der Kuchen-Coup der Vogelkundigen“, mit dem sich das Frederick-Ensemble am Wochenende vom Ludwigsluster Publikum verabschiedet hat. Das Ende eines besonderen Projekts naht.

Torsten Ellinghaus, Nils Walkenhorst und die anderen Akteure auf und vor der Bühne sind keine Profi-Schauspieler. Sie sind überwiegend Langzeitarbeitslose, die vom Jobcenter Ludwigslust-Parchim betreut werden. Und das hatte die Projektfabrik mit dem Projekt „Frederick“ nach Ludwigslust geholt. „Als ich angesprochen wurde, ob ich mitmachen möchte, habe ich gedacht: Warum nicht?“, erzählt Torsten Ellinghaus aus Grabow. „Man kann ja mal was Neues versuchen.“ Viele Kunden, die seinerzeit angesprochen wurden, seien schnell bereit gewesen mitzumachen, erinnerte sich Petra Müller, Teamleiterin des Jobcenters in Ludwigslust, vor dem Beginn der Aufführung. „Aber sie sagten auch, dass sie nichts vortragen, nichts vorlesen und sich nicht auf die Bühne stellen werden. Und was ist daraus geworden?“ Das konnte das Publikum hautnah erleben.

In „Der gute Mensch von Sezuan oder Der Kuchen-Coup der Vogelkundigen“ ging es nicht vordergründig ums Kuchenbacken. Es ging um die Frage, wie viel Güte es in schlechten Lebensverhältnissen geben kann. Es ging um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Und um das Ausnutzen von Gutmütigkeit. Dafür hatte die Projekfabrik mit dem Theaterpädagogen und Regisseur Lukas Rauchstein Bertolt Brechts Stück abgewandelt und viel Ludwigslust eingebaut. „Wir haben versucht, die Typen mit ihren Macken und Eigenheiten herauszukitzeln“, sagt Lukas Rauchstein. „In der Gesellschaft bekommen sie immer einen auf den Deckel, hören oft, dass sie nichts hinbekommen. Wir behaupten das Gegenteil.“ Das Theater sei eine wunderbare Möglichkeit zu zeigen, dass man etwas leisten kann, und um etwas zurückgeben zu können, ergänzte Martin Kreidt, der künstlerische Leiter der Projektfabrik.

Die Laienschauspieler schenkten dem Publikum bei der Aufführung im Zebef, an der auch Schüler der Schule An der Bleiche mitwirkten, einen kurzweiligen und amüsanten Abend. Sie glänzten mit Mimik, Gestik, Liedern, langen Textpassagen und einer unbändigen Spielfreude und Spielwitz. Und erhielten dafür viel Beifall. Dann schloss sich der Vorhang zum letzten Mal. Und nun? „Ich würde gern noch weitermachen“, sagte Nils Walkenhorst. „Es hat Spaß gemacht, und wir haben einen tollen Zusammenhalt in der Gruppe.“ Wie es für ihn nach dem Projektende Anfang März weitergeht, weiß er noch nicht. „Ich bin offen für vieles, würde aber schon gern schauspielern“, sagte der 30-jährige Ludwigsluster, der auch schon in Fernsehserien mitgewirkt hatte. Nach Aussage von Petra Müller werden ab Februar Arbeitsvermittler vor Ort sein, mit den Projektteilnehmern über deren Vorstellungen sprechen und nach Alternativen für die Zeit nach dem Abschluss der Maßnahme suchen. Auch wenn nicht jeder in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gehen wird, ist Lukas Rauchstein vom Effekt des Projektes überzeugt. „Ich glaube, dass hier niemand unverändert rausgeht“, sagte er. Und Torsten Ellinghaus weiß genau, was „Frederick“ mit ihm gemacht hat: „Es hat mir mehr Selbstvertrauen gebracht“, betonte der 35-jährige Grabower. Und noch etwas ist aus Sicht von Petra Müller wichtig. „Die Teilnehmer haben ein Gefühl erlebt, das wir alle brauchen: Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe“, so die Teamleiterin. „Das geht Arbeitslosen oft verloren.“

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