Auf dem langen Weg zu sich selbst

Visionssucheleiterin Annette Brandes liegt bedeutend viel an dem Gemälde „Der Weg nach Shambala“, da es ebenfalls die Seelenreise des Rituals darstellt.
Visionssucheleiterin Annette Brandes liegt bedeutend viel an dem Gemälde „Der Weg nach Shambala“, da es ebenfalls die Seelenreise des Rituals darstellt.

Annette Brandes ist seit drei Jahren Visionssucheleiterin und will Menschen helfen, der Sinnfrage des Lebens ein Stück näher zu kommen

svz.de von
27. Dezember 2016, 21:00 Uhr

Ist man jung, interessiert einen die Sinnfrage wohl weniger. Doch was passiert, wenn das Leben halb gelebt, die eigene Energie jedoch schon fast aufgebraucht ist? Dort setzt Annette Brandes an. Die 54-Jährige weiß, wie gefährlich schnell man sich selbst fremd werden kann. „Das kann sogar dazu führen, dass man seine innersten Bedürfnisse nicht mehr wahrnimmt. Dann muss man etwas für sich tun, sich auf den Weg begeben“, betont die gebürtige Ludwigslusterin. Seit 2013 ist sie Visionssucheleiterin.

„Vision ist eigentlich nicht der eindeutige Begriff. Ursprünglich heißt es ‚die Quest‘. Also sinnbildlich übersetzt, die Reise, die man Antritt, um sich selbst zu erforschen“, erklärt sie im SVZ-Gespräch. Annette Brandes habe selbst schon zwei eigene Visionssuchen erlebt. „Ich war damals Anfang 40, wollte aus dieser Tretmühle des Alltags raus und suchte nach meiner Aufgabe“, erzählt die gelernte Diplomingenieurin für Bauwesen. Seit 2006 habe sie bereits die Ausbildung zur Geomantin beendet und so die Verbindung zur Natur wieder aufgenommen.

Auch sie habe vor Beginn ihrer ersten Visionssuche Angst vor dem Unbekannten gehabt. Vier Tage und vier Nächte habe sie dabei, wie es für so eine „Auszeit“ üblich sei, allein und fastend in der Wildnis verbracht. Ausgerüstet mit einem Schlafsack, einer Plane, Wasser und wetterfester Kleidung. „Man verbringt eine Woche vorher mit der Teilnehmergruppe viel Zeit in der Natur, bereitet sich auf das Alleinsein vor und absolviert Natur- und Achtsamkeitsübungen. Aber dennoch – der erste Tag war sehr anstrengend. Es war furchtbar still um mich herum. Ich hab’ nicht einmal mehr den benachbarten Teilnehmer gehört“, erinnert sie sich.

Damit die Visionssuche sicher verlaufen könne, gebe es ein Body-System, so Annette Brandes. Denn trotz der Einsamkeit müsse gewährleistet sein, dass wenigstens der „Nachbar“, der sich in einem angrenzenden Waldstück befindet, immer über den Zustand des Anderen Bescheid weiß. „Es gibt einige Regeln beim Hinausgehen in die Wildnis. Beispielsweise wird nicht gesprochen. Trifft man auf einen anderen Teilnehmer oder Spaziergänger, versucht man sich still und unauffällig zu verhalten“, erzählt sie weiter. Denn wenn man aus der realen Welt in die Natur geht, überquere man eine imaginäre Schwelle, um zu sich selbst zurück zu finden. „Die Stille ist notwendig, um den Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich begebe mich stets mit einer Frage oder einem Thema, welches mich beschäftigt, auf die Reise. Darüber muss nachgedacht werden. Außerdem sagt man, dass die Zivilisationsschicht drei Tage dick ist. Bei Anbruch des vierten Tages beginnt der Geist, sich langsam mit dem Körper auseinanderzusetzen und für die Natur zu öffnen.“ Genauso sei es auch bei ihr gewesen. „In der dritten Nacht klang selbst die Schnecke, die sich an der Baumrinde hochschlängelte wie ein sehr großes Tier. Ich bekam kaum ein Auge zu. Denn die Sinne sind ab diesem Zeitpunkt absolut geschärft“, erzählt Annette Brandes. Ebenfalls sei es wichtig, dass der suchende Mensch, auch Initiant genannt, keine Nahrung zu sich nehme, außer Wasser. „Diese Auszeit macht wirklich erst einen Sinn, wenn man nichts zu tun hat, außer bei sich selbst zu sein. Keine Aufgaben erfüllen muss wie Essen beschaffen oder ähnliches. Denn so fängt der Mensch wieder an zu planen und zu funktionieren. In diesen Modus soll der Geist aber nicht erneut verfallen.“

Es sei schon vorgekommen, dass sie drei Tage nur im Schlafsack gelegen habe, weil es geregnet hat. „Das war im ersten Moment furchtbar, aber hinterher merkte ich, dass genau dieses Herumliegen und Entspannen meinem Körper guttat. Als dann endlich wieder die Sonne auftauchte, fühlte sich mein Verstand deutlich klarer und frischer an“, erzählt Annette Brandes, die unter anderem auch schon in der Sinai Wüste die Seelenreise unternommen hat.

Nach der vierten Nacht kehre man wieder zurück in das Basislager, in dem Leiterin und Teilnehmer auf einen warten. Dort tausche man das Erlebte miteinander aus. Danach würden drei Tage folgen, um die Gruppe der Initianten wieder auf den Alltag vorzubereiten.

In diesem Jahr unternahm Annette Brandes erneut eine Visionssuche. „Das war eine unglaubliche Erfahrung. Diese Zeit war ein Geschenk. Ich hatte Sonnentage und sternenklare Nächte. Es gibt nichts Schöneres“, meint sie. Die Gelassenheit und das Vertrauen in das Leben habe sie durch ihre Reisen endlich wiedergefunden.


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