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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 17:17 Uhr

wöbbelin : Arbeiten gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Jugendliche aus zehn Nationen sind Teilnehmer am 22. Internationalen Workcamp des Vereins „Service Civil International“ in Wöbbelin

von
erstellt am 27.Aug.2014 | 07:00 Uhr

Sie zupfen Unkraut an den Grabsteinen, fegen Laub auf dem ehemaligen Lagergelände, beseitigen einen großen Baumstubben, schneiden Wildwuchs an Bäumen und Sträuchern ab. Es ist das 22. internationale Workcamp des Vereins „Service Civil International“ e. V. (SCI), das gemeinsam mit dem Förderverein der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin e. V. in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin stattfindet. Am Dienstag stand Pflegeeinsatz auf dem Programm. Darüber hinaus beschäftigen sich die Teilnehmer auf vielfältige Weise mit der Geschichte des ehemaligen KZ Wöbbelin. Kooperationspartner des Camps sind der Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V., die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Zebef e. V.

„Ich studiere über Krieg und internationale Beziehungen“, erklärt Natsumi Chiba, die aus Japan nach Wöbbelin gereist ist. „Besonders beschäftige ich mich mit Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg, und ich will sie mit der Rolle Deutschlands vergleichen.“ Natsumi hat Literatur über den Holocaust gelesen und sich dann näher damit beschäftigt. Ähnlich geht es Nelli Pavlova und Maria Chupina, die aus Perm im Ural, Russland, hierhergekommen sind. Sie interessieren sich für die Zeit des Nationalsozialismus.

In Wöbbelin arbeiten die Workcamp-Teilnehmer auch an Biografien ehemaliger Lagerinsassen. Und da ist Erich Kary, der vor wenigen Wochen verstarb, immer noch präsent. „Es ist, als käme er jeden Moment zur Tür herein“, sagt Ramona Ramsenthaler, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin.

„Ich habe Erich Kary nicht persönlich kennengelernt. Aber Menschen haben viel über ihn erzählt“, sagt die 18-jährige Sara Rallo aus Spanien. „So habe ich mich entschlossen, eine Präsentation vorzubereiten über die schrecklichen Jahre seines Lebens. Ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch danach ein normales Leben leben kann. Es tut mir Leid, dass er kurz bevor ich hierher kam, gestorben ist und ich nicht mehr mit ihm sprechen konnte“, bedauert Sara. „Wie kann ein Mensch viele Jahre lang an diesen Ort zurückkommen und darüber sprechen!“ Sara war auch am Dienstag beim Pflegeeinsatz in den Gedenkstätten tief bewegt.

Wie die Zeit des Nationalsozialismus in schlimmer Pervertierung aussieht, können die Workcamp-Teilnehmer in der gerade eröffneten neuen Ausstellung „Zehn Wochen KZ Wöbbelin“ nachvollziehen. Neben vielen anderen erschütternden Dokumenten gibt es dort ein Video-Interview mit Werner Tom Angress, der mit den Befreiern von der 82. US-Luftlandedivision nach Ludwigslust kam. Tief bewegt erzählt er, wie sie das Lager Wöbbelin entdeckten, wie zwei der Offiziere, mit denen er unterwegs war, sich am Lagereingang übergeben mussten, weil der Gestank einfach unbeschreiblich war… Ein unwiederbringliches Dokument – Werner Tom Angress, der viele Jahre immer wieder nach Wöbbelin kam, ist 2010 im Alter von 90 Jahren verstorben.

Die Zeit des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen dürften nie vergessen werden und man müsse alles tun, dass diese Zeit sich nie wiederhole, sagt ein Besucher zu Sara Rallo, und die junge Spanierin stimmt aus tiefstem Herzen zu. Erich Kary hätte gelächelt: Das war sein Ansinnen zeit seines Lebens in den letzten fast sieben Jahrzehnten.

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