Bresegard bei Eldena : Angst vor dem nächsten Sturm

Bresegarder findet Linde vor seinem Haus gefährlich – steht mit dieser Ansicht aber relativ allein da / Baum besonders geschützt

svz.de von
17. Dezember 2013, 07:00 Uhr

Wenn es draußen stürmt, mag Karl-Heinz Ahrendt gar nicht aus dem Fenster gucken. Schuld ist die Linde vor seinem Haus. „Ich habe Angst, dass der morsche Baum irgendwann auf unser Dach kracht“, sagt der 53-Jährige. „In der Astgabel fault er, und im Stamm ist ein großer Schlitz, durch den Wasser eindringt.“ Der Schlitz sei viel tiefer als von außen zu sehen. Seit rund zwei Jahren kämpft der Bresegarder darum, dass der auf Gemeindegrund stehende Baum gefällt wird. Doch ohne Erfolg. „Überall werden Bäume abgenommen. Nur hier soll das nicht möglich sein“, sagt Ahrendt, der vor ein paar Jahren in seinen Heimatort zurückgekehrt ist. „Wer haftet eigentlich, wenn durch den Baum jemand zu Schaden kommt?“, fragt er.

„Jeder Eigentümer eines Grundstücks ist für die darauf stehenden Bäume zuständig, muss sie überwachen und reagieren, wenn etwas festgestellt wird“, erklärt Heiko Noak, Sachbearbeiter Baumschutz im Amt Ludwigslust-Land. Um einen Baum fällen zu können, bedarf es in vielen Fällen, insbesondere wenn er wie in Bresegard Teil einer Allee oder einer einseitigen Baumreihe ist, der Genehmigung der zuständigen Behörde. Welche das ist – etwa der Landkreis oder das Amt, hängt unter anderem von Baumart, Stammumfang und Standort ab.

„Alleen und einseitige Baumreihen sind gesetzlich geschützt“, erklärt Burghardt Möller, Sachbearbeiter Eingriffsregelung/Gehölzschutz bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Ludwigslust-Parchim, und verweist auf das Naturschutzausführungsgesetz MV. Danach sind alle Handlungen, die zu ihrer Schädigung oder Beseitigung führen, verboten. „Auch Einzelbäume sind gesetzlich geschützt, wenn sie in einer Höhe von 1,30 Metern einen Stammumfang von einem Meter oder mehr haben“, so Möller. Das gelte aber nicht für Bäume in Hausgärten – es sei denn es handelt sich um Eichen, Ulmen, Platanen, Linden oder Buchen. Auch Obstbäume, mit Ausnahme von Walnuss und Esskastanie, und Pappeln im Innenbereich stehen nicht unter diesem besonderen Schutz. Soll ein gesetzlich geschützter Baum dennoch abgenommen werden, muss die Naturschutzbehörde eine Genehmigung erteilen.

Im Amt Ludwigslust-Land geht der Baumschutz noch weiter. Laut Baumschutzsatzung, die für alle amtsangehörigen Gemeinden gilt, sind beispielsweise auch Weiden und Pappeln ab einem Stammumfang von 1,20 Metern geschützt, genauso wie Eiben, Stechpalmen sowie Rot- und Weißdorn ab einem Stammumfang von 30 Zentimetern sowie alle anderen Laubbäume, einschließlich Walnuss, Esskastanie ab einem Stammumfang von 80 Zentimetern. Für andere Obstbäume gilt der Schutz wiederum nicht. Ausnahmen von den Fällverboten muss das Amt genehmigen. Ohne Genehmigung von Unterer Naturschutzbehörde oder Amt geht es bei den geschützten Bäumen in der Regel also nicht. „Lediglich wenn Gefahr in Verzug ist, also zu befürchten ist, dass der Baum in Kürze kippt oder große Äste herabfallen, kann und muss man sofort handeln“, so Noak.

Die Aufgabe der Baumkontrolle haben die Gemeinden an das Amt Ludwigslust-Land übertragen. Mindestens einmal jährlich muss jeder Baum in Augenschein genommen werden. Das erledigen Baumkontrolleure in den Gemeinden. Das Ergebnis ihrer Kontrolle halten sie in Protokollen fest, die an das Amt geschickt werden. Nur in Zweifelsfällen fährt Heiko Noak selbst raus. „Ein Baum zeigt an, wenn er Schwächen entwickelt, die Statik gefährdet ist“, so Noak. Diese Anzeichen müssten die Kontrolleure kennen, dazu würden sie geschult. „Ein herrlich grüner Baum ist nicht in jedem Fall gesund. Er kann zum Beispiel eine spezielle Pilzerkrankung haben“, erklärt der Baum-Sachbearbeiter. Andererseits stelle eine Fäule im Stamm nicht unbedingt eine Gefahr dar.

Für die Linde vor dem Haus der Ahrendts sieht Heiko Noak keine Gefahr und erst recht keine Gefahr in Verzug. „Sie sieht genauso aus wie die Bäume in der Umgebung und zeigt keinerlei Anzeichen, dass in naher Zukunft Probleme entstehen können. Weil sie eine kleine Krone hat und nicht sehr hoch ist, sehe ich auch die Statik nicht gefährdet.“ Diese Auffassung teilt auch die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Ludwigslust-Parchim, an die das Amt eine entsprechende Anfrage gerichtet hatte. „Von dort haben wir signalisiert bekommen, dass die Fällung der Linde nicht genehmigungsfähig sei“, so Noak. Burghardt Möller, der selbst schon in Bresegard war, bestätigt: „Nach meiner Sicht vom Boden aus sind die Stand- und Bruchsicherheit dieses Baumes nicht gefährdet.“

Damit seien Amt und Gemeinde die Hände gebunden, so Noak. „Wir haben keine anderen Rechte als der Privateigentümer.“ Nun könnte man nur noch über ein richtiges Baumgutachten, das eine Gefahr bescheinigt, eine Fällgenehmigung bekommen. Doch so ein Gutachten koste mehrere Hundert Euro, so der Mitarbeiter der Amtsverwaltung.

Und wenn dann doch etwas passiert? Dann ist in der Regel der Eigentümer zuständig, allerdings nicht in jedem Fall in der Haftung. „Es sei denn, ihm wird nachgewiesen, dass er seine Pflicht zur regelmäßigen Baumkontrolle nicht erfüllt oder erkennbare Schäden nicht erkannt hat“, so Heiko Noak.

Karl-Heinz Ahrendt wird bei Sturm also wohl weiterhin angstvoll auf die Linde vor seinem Haus schauen und hoffen müssen, dass die Experten den Zustand des Baumes vom Boden aus richtig eingeschätzt haben.

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