Dömitz : Als in Berlin die Mauer fiel…

9. November 1989: Christel Fuhrmann und Jürgen Kuczynski im Pulverkeller der Festung Dömitz
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9. November 1989: Christel Fuhrmann und Jürgen Kuczynski im Pulverkeller der Festung Dömitz

…saßen viele Dömitzer im Pulverkeller der Festung und diskutierten mit DDR-Wissenschaftler Jürgen Kuczynski über Zukunft des Landes

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08. November 2014, 07:56 Uhr

Ein Buch ist schuld. Ein Buch ist schuld daran, dass Christel Fuhrmann am Abend des 9. November 1989 ins Bett ging, ohne zu ahnen, dass die DDR-Grenze durchlässig geworden war. Eine Grenze, deren Sicherungsanlagen nur wenige Meter von ihrem Schlafzimmer entfernt begannen.

Als „Dialog mit meinem Urenkel. 19 Briefe und ein Tagebuch“ in den 1980er-Jahren erschien, gehörte Christel Fuhrmann zu den Ersten, die es lasen. „Ich hatte einen guten Draht zu den Buchhandlungen in der Region“, erzählt die Dömitzerin. „Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und gedacht: Wenn einer auf diese Art und Weise öffentlich Stellung nimmt, muss es für die Leute interessant sein, mit ihm zu diskutieren.“ Das Buch war für die damalige Zeit sehr kritisch. Der Autor Jürgen Kuczynski – mit hohen DDR-Auszeichnungen dekorierter Historiker und Wirtschaftswissenschaftler – soll dafür eine Parteistrafe erhalten haben, wie es im Internetlexikon Wikipedia heißt.

Christel Fuhrmann, frühere Leiterin des Kulturhauses und seinerzeit Vorsitzende der Dömitzer Ortsgruppe des Kulturbundes, schickte kurzerhand einen Brief an Jürgen Kuczynski. „Woher ich seine Adresse bekommen hatte, weiß ich nicht mehr“, erzählt die 88-jährige Dömitzerin. „Ich fragte ihn, ob er für einen Vortrag nach Dömitzer kommen würde, und betonte, dass wir uns mit dem Termin ganz nach ihm richten würden.“ Wenig später kam tatsächlich eine Antwort. „Jürgen Kuczynski schlug den 9. November 1989 vor und ich willigte ein. Schließlich war das damals noch kein besonderes Datum“, so die Seniorin.

Als Jürgen Kuczynski schließlich kam, hatte in Dömitz einige Tage zuvor der erste Friedensgottesdienst stattgefunden. „Es kribbelte schon ein bisschen“, so Christel Fuhrmann. Und so war der Pulverkeller auf der Festung gerammelt voll, als die Lesung begann. „Die Fragen, vor allem über die wirtschaftliche Lage, prasselten auf ihn ein“, so Christel Fuhrmann. An eine Frage könne sie sich noch erinnern: Warum sind Sie nicht Wirtschaftsminister? Und an die Antwort: Die haben mich nicht gelassen. Und an zwei Frauen, die Jürgen Kuczynski immer mit „Genosse Professor“ angesprochen hätten.

Dass Günter Schabowski fast zur selben Zeit durch seine Aussage auf einer internationalen Pressekonferenz die Tore in der Berliner Mauer und im deutsch-deutschen Grenzzaun quasi mit sofortiger Wirkung aufgestoßen hatte, war noch nicht bis in den Pulverkeller vorgedrungen. Und so gingen die Dömitzer auseinander, wie sie zusammengekommen waren. Christel Fuhrmann wählte den Weg am Wall – und damit am ersten Zaun – entlang. „Als ich so ging und an die Ereignisse im Land dachte, hatte ich nur einen Wunsch: Hoffentlich bleibt alles friedlich“, so die Dömitzerin. „An Grenzöffnung oder Wiedervereinigung dachte ich nicht eine Sekunde.“ Zu Hause angekommen sei sie nur noch erschöpft ins Bett gefallen. Vom Fall der Mauer hat sie dann erst am nächsten Tag erfahren.


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