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Jagdflugzeug bei Boizenburg : Absturz in den Sommerdeich

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Bei Gothmann wurden Teile und Munition eines abgestürzten deutschen Jagdflugzeugs geborgen. Wahrscheinlich eine Focke-Wulf Fw 190

svz.de von
erstellt am 22.Dez.2015 | 06:00 Uhr

Es ist eine Schlammschlacht. Baggerschaufel für Baggerschaufel holt Jens Zeidler von der Kampfmittelräumfirma GF KB Pinnow den am Ende des 2. Weltkriegs abgestürzten deutschen Jagdflieger aus der Sude bei Gothmann. Die Bergung war in den letzten Tagen immer wieder verschoben worden, weil die ursprünglich geplanten 40 Big Packs mit Sand für die Ölsperre nicht ausreichten und die Firmen nicht sofort liefern konnten. Am Ende mussten 128 Big Packs verbaut werden, denn die Sude hat inzwischen wieder einen Pegel von 2,70 Metern. Doch wie gut, dass darauf großer Wert gelegt wurde, denn spätestens als der Flugzeugbenzintank vom Rumpf des Fliegers geborgen wurde, roch es durchdringend nach ausgelaufenem Kerosin. Fast 72 Jahre lang haben die Tanks dicht gehalten. „Die waren innen noch mit einer Blase aus Kautschuk ausgelegt“, erklärt Sebastian Dosdall, der junge Chef der Firma GF KB, der die Firma von seinem Vater übernommen hat. „Der Kautschuk sollte den Tank abdichten und hatte auch die Eigenschaft, Löcher nach Einschüssen wieder selbst verschließen zu können. Natürlich nur in einem bestimmten Umfang“.

Entdeckt wurde das Flugzeugwrack schon am 14. Oktober. Kurz nachdem die zahlreichen Mitglieder der Deichschau genau an dieser Stelle die Uferbefestigungsarbeiten der Firma Eggers an der im Biosphärenreservat Elbe gelegenen Sude besichtigt hatten, stieß der Bagger auf Widerstand, als er einen weiteren Baumstamm in das Ufer rammen wollte. Die Mitarbeiter fassten mit der Baggerschaufel vorsichtig nach, holten Flugzeugteile sowie Munition heraus und verständigten den Munitionsbergungsdienst.

„Wir dachten erst, wir müssten evakuieren“, erinnert sich Dagmar Poltier vom Bau- und Ordnungsamt der Stadt Boizenburg, zu der das ehemalige Fischerdorf Gothmann gehört. Doch das nächstgelegene Haus war zum Glück nicht bewohnt. Die Firma Eggers musste an dieser Stelle auf etwa 15 Metern die Arbeit ruhen lassen und stellte den Rest des Ufers fertig. Nach längerem Hin und Her übernahm der Munitionsbergungsdienst die Kosten für die Bergung, nachdem durch Luftbildaufnahmen und Zeitzeugenbefragungen klar wurde, dass an Bord noch Munition vermutet werden muss. „Muss“ ist hier wohl nicht der richtige Ausdruck, denn nachdem gestern Mittag die Bordkanone und ein Munitionsgurt nach dem anderen aus dem Schlamm gewühlt wurden, leuchteten bei allen Beteiligten die Augen. Auch ein Bombenschluss wurde gefunden, mit dem ein solcher Sprengkörper an der Unterseite anmontiert werden konnte. Dass der Jagdflieger eine Bombe an Bord hatte, kann daher nicht einhundertprozentig ausgeschlossen werden.

Durch den Zeitzeugen Ludwig Köppen aus Franzhagen war schon früh klar, dass der Pilot sich durch einen Absprung aus dem Cockpit retten konnte. Ludwig Köppen schaute sich die Bergung gestern ebenfalls an. „Der Flieger ist am 1. Januar 1944 abgestürzt“, erzählte er. Er selbst sei damals acht Jahre alt gewesen. „In Hagenow waren ja die Abfangjäger stationiert. Die sollten die englischen Bombergeschwader aufhalten. Und die wurden von Jagdfliegern geschützt.“ Insgesamt drei deutsche Flugzeuge seien an diesem Neujahrstag von den Engländern abgeschossen worden. „Einer ging noch im Wald da drüben runter und einer im Wald bei Besitz.“ Der Pilot wäre in Richtung Bleckede übers Eis gelaufen. „Der inzwischen verstorbene Herr Schuchardt hat den noch medizinisch versorgt, der war wohl angeschossen.“ Ludwig Köppen und seine Freunde sind dann zum Flugzeugwrack gelaufen, um sich die Munition zu holen. „Wir sind ja nur dahin gekommen, weil alles zugefroren war. Das Flugzeug ist in den damaligen Sommerdeich gefallen, das war völlig zerschmettert.“ Im Laufe der Jahre hat sich die Sude verbreitert, deshalb liegt das Wrack zum Teil unter Wasser.

Am Endes des gestrigen Tages wurde ein Sternmotor geborgen „Deshalb gehen wir davon aus, dass es sich nun doch um eine Focke-Wulf Fw 190 handelt“, teilte Thomas Cogiel mit.

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