Ludwigslust : Klimaaktivisten: „Alles oder nichts“

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Kämpfen für die gemeinsame Sache – den Klimaschutz: Martin Ebert (l.) aus Wöbbelin und Extinction-Rebellion-Mitglied Lars Brandt aus Hamburg
Kämpfen für die gemeinsame Sache – den Klimaschutz: Martin Ebert (l.) aus Wöbbelin und Extinction-Rebellion-Mitglied Lars Brandt aus Hamburg

Martin Ebert aus Wöbbelin und XR-Aktivist Lars Brandt aus Hamburg äußern sich im SVZ-Interview zum bevorstehenden Klimakollaps

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17. September 2019, 05:00 Uhr

Zum ersten Mal reist Lars Brandt nach Ludwigslust. Mit dem Zug aus Hamburg kommt er in der Lindenstadt an, verschafft sich einen ersten kleinen Überblick – gemeinsam mit Martin Ebert. Den Wöbbeliner und den Hamburger verbindet eine gemeinsame Sache: Aufklärung über die Klimakrise, über den bevorstehenden Klimakollaps. Lars Brandt, gebürtig aus Berlin, engagiert sich seit April dieses Jahres bei der Aktivistengruppe „Extinction Rebellion“ – kurz XR –, die in Großbritannien im vergangenen Jahr gegründet wurde. Die Gruppe ruft zum zivilen Ungehorsam auf. Martin Ebert engagiert sich unter anderem bei „Fridays for Future“ und „Parents for Future“. Mit Lars Brandt und Martin Ebert sprach jetzt SVZ-Redakteurin Sabrina Panknin.

Herr Brandt, Sie sind zum ersten Mal in Ludwigslust. Die Stadt hat im Mai dieses Jahres per Stadtvertreterbeschluss den Klimanotstand ausgerufen. Was sagen Sie dazu?

Brandt: Es scheint hier viele Menschen zu geben, die wissen, in was für einer schrecklichen Situation wir uns befinden. Ich hoffe, wir können weitere motivieren, sich zu engagieren.

Warum aber engagieren Sie sich bei XR?

Brandt: Ich habe das Gefühl, dass wir mit Extinction Rebellion als Menschheit wirklich eine Chance haben, den Klimakollaps zu vermeiden.

Weiterlesen: Die Extinction Rebellion: Aufstand gegen den Klimakollaps

Inwiefern?

Brandt: Indem wir uns des zivilen Ungehorsams bedienen. Wir haben keine Zeit mehr, wir brauchen jetzt radikale und schnelle Veränderungen, damit das Öko-System nicht zusammenbricht. UN- und EU-Berichte warnen schon jetzt, dass unsere Zivilisation zusammenbricht und die Menschheit ausstirbt, wenn wir jetzt nicht etwas ändern.

Ziviler Ungehorsam heißt aber, dass Sie Straftaten bewusst begehen.

Brandt: Ja. Wir nehmen das ganz bewusst in Kauf, dass wir für unsere Aktionen bestraft werden können. Es bringt nichts mehr, nur zu demonstrieren. Die Politiker müssen jetzt wachgerüttelt werden. Wir sind aber friedlich und gewaltfrei.

Ebert: Mich erschreckt immer wieder, dass die Menschen all das nicht ernst nehmen, was um sie herum gerade passiert. Jetzt hat es wieder ein paar Tage geregnet und siehe da, keiner spricht mehr von Trockenheit. Und das, obwohl die Bäume oben ganz braun sind.

Warum aber ist Extinction Rebellion so radikal?

Brandt: Wir sagen: Wir müssen stören. Alles andere wird sonst ignoriert. Wir müssen, um die Menschen wachzurütteln, sie in ihrem Alltag stören, sie aus dem Konzept bringen.

Wie wollen Sie das machen?

Brandt: Wir planen eine große Aktion ab dem 7. Oktober. Eine Woche lang wollen wir Berlin blockieren und damit lahmlegen. Wir werden an zentralen Orten in Berlin Blockaden errichten. London hat es im vergangen Jahr gezeigt, dass Politik gezwungen werden muss.

Was fordert Extinction Rebellion konkret?

Brandt: Wir haben drei Forderungen. Erstens: Die Regierung muss endlich die Wahrheit sagen. Es gibt Kampagnen, dass man als Radfahrer einen Helm tragen soll. Es wird aber nicht kommuniziert, dass alle Wissenschaftler sagen, dass die Klimakrise eine tödliche Bedrohung für alle Menschen darstellt. Von den Tieren ganz zu schweigen.

Zweitens: Wir fordern, dass der Ausstoß aller Klimagase bis 2025 auf Netto-Null gesetzt werden.

Und drittens fordern wir, dass die Maßnahmen von Bürgerversammlungen beschlossen werden. Menschen aus ganz Deutschland, die den Durchschnitt des Landes repräsentieren, werden per Los ermittelt. Experten sollen den Bürgerversammlungen beratend zur Seite stehen.

Das ist der beste Weg, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Abseits der Parteien, die sich bei einer Wahl wieder beim Wähler profilieren wollen.

Herr Ebert, Sie engagieren sich bei „Fridays for Future“ und „Parents for Future“. Viele reagieren schon genervt, wenn sie den Namen Greta Thunberg hören oder lesen. Sie nicht. Warum?

Ebert: Greta Thunberg ist ein besonderes Mädchen. Sie ist ein Kind und Kinder lügen nicht. Es gibt nur Null und Eins in ihrer Welt – wie in der Computersprache. Ausprobieren ist jetzt nicht mehr. Wir müssen jetzt volle Pulle gehen oder wir setzen alles gegen die Wand. Es muss mit „Fridays for Future“ jetzt weitergehen und zwar konstant.

Nun hat Deutschland in seiner Geschichte schon viele Bewegungen erlebt. Haben Sie Vorbilder?

Ebert: Für mich ganz klar Martin Luther. Ich fand dort sehr viele Parallelen. Er hat sich einfach widersetzt und das hat er friedlich durchbekommen.

Brandt: Es gab viele friedliche Bewegungen. Das ist auch unser Credo: In dem Moment, in dem wir Gewalt anwenden, haben wir alles verspielt. Einer unserer Vorbilder ist Mahatma Gandhi. Aber auch die Bürgerrechtsbewegung, die schließlich zur Wiedervereinigung in Deutschland geführt hat.

Gibt es bei diesem Thema einen Kompromiss?

Ebert: Ganz klar nein. Wir haben keine zehn bis zwölf Jahre mehr. Der Permafrost taut, der Kipppunkt ist erreicht. Wir können nicht bis zur nächsten Wahl warten. Wir müssen jetzt starten. Jetzt heißt es: Alles oder nichts.

Brandt: Wir müssen, wenn wir nichts machen, uns auch die Frage stellen: Wen reißen wir dann alles mit in den Abgrund?

Hintergrund: Die Extinction Rebellion

Die Gruppe „Extinction Rebellion“ (zu deutsch: Rebellion gegen das Aussterben  der Tierwelt, aber auch der Menschen als Folge der Klimakrise)  fordern unter anderem die Ausrufung des Klimanotstandes, bis 2025 die Treibhausgas-Emissionen  auf Netto-Null zu senken, das Artensterben zu stoppen... Dabei bedienen sich die Aktivisten des „zivilen Ungehorsams“ und rufen auch zum Globalen Klimastreik ab dem 20. September gemeinsam mit der Gruppe „Fridays for Future“ auf. Die sogenannten XR-Aktivisten rufen zur gewaltfreien Rebellion auf. Sie stützen sich bei ihren Forderungen unter anderem auf Fakten des Reports des Weltklimarates (IPCC).
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