Ära geht in Malliß zu Ende : Ein Urgestein geht von Bord

von 17. Dezember 2020, 12:00 Uhr

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Wer Gerda Kolodziejek heute über ihre Berufung sprechen hört, dem entgeht auch nicht diese grenzenlose Geduld für junge Leute.
Wer Gerda Kolodziejek heute über ihre Berufung sprechen hört, dem entgeht auch nicht diese grenzenlose Geduld für junge Leute.

Ein Vierteljahrhundert lang hat Gerda Kolodziejek Heranwachsende im örtlichen Jugendclub betreut. Nun ist Schluss.

Malliß | Als Jugendclubleiterin sei man auch ein Stück weit Dompteur: Gerda Kolodziejek muss es wissen, schließlich hat sie ein Vierteljahrhundert dem Mallisser Treff der Heranwachsenden vorgestanden. Im neuen Jahr endet somit eine Ära. 25 Jahre lang hört die heute 63-Jährige zu, berät, betreut und fackelt nicht lange, wenn sich einer der 12- bis 18-Jährigen mal daneben benimmt oder aufbegehrt. Was ja ein Privileg der Jugend ist. Nun zieht sich die gebürtige Mallisserin auf das Altenteil zurück. Die Kinder und Jugendlichen sind heutzutage aufgeschlossener und selbstbewusster. Das ist auch gut so, erschwert jedoch mitunter die Kommunikation. „Die Kinder und Jugendlichen sind heutzutage aufgeschlossener und selbstbewusster. Das ist auch gut so, erschwert jedoch mitunter die Kommunikation“, grinst das sechste Kind aus einer Arbeiterfamilie. Ein Urgestein im Dorf, das sich die Butter nie vom Brot hat nehmen lässt. Das hat sie von ihren Eltern gelernt, deren hartes Leben ihr nicht verborgen bleibt und Respekt abnötigt. Der Vater, Obersteiger im örtlichen Braunkohlenbergwerk, die Mutter Weberin und Hausfrau, bringen ihr wichtige Werte bei: Fleiß, Anstand und Menschlichkeit. Gerda Kolodziejek arbeitet 18 Jahre in der Kinderkrippe, absolviert zwei Fernstudien, wird staatlich anerkannte Erzieherin. Und sie erfährt leidvoll, wie demütigend und schmachvoll der Gang zum Amt sein kann, wenn einen der Arbeitsmarkt ausspuckt, gibt dennoch nie auf. „Der Hartnäckigkeit des damaligen Bürgermeisters Wolfgang Hahn habe ich es zu verdanken, dass ich 1994 in die Jugendarbeit einsteigen konnte. Trotz einigen Gegenwindes hat er sich für diese Anlaufstelle stark gemacht, die in Conow beginnt und schließlich, weil der Platz nicht mehr ausreicht, nach Malliß in die ehemalige Krippe umzieht“, erinnert sich die leidenschaftliche Pädagogin. Auch dass der dörfliche Nachwuchs 1996 das Gebäude mit umbaut, sich keiner drückt, hat sie nicht vergessen. Als die moderne Stätte eröffnet wird, existieren bereits 126 eingetragene Mitglieder im Club. Feiger Brandanschlag hält Jugendclub nicht auf „Der Einzug war ein großer Glückstag für mich sowie die Mädchen und Jungen, die endlich nicht mehr auf der Straße und in Buswarten rumlungern mussten“, berichtet Gerda Kolodziejek. Als sechs Jahre später der Treff durch einen feigen Brandanschlag völlig vernichtet wird, ist das für sie ein schlimmer Tag. Doch sie erfährt mit den ihr Anvertrauten eine Welle der Solidarität aus der Bevölkerung. Wer kann, packt mit an. Zum Glück stellt sich auch die Versicherung nicht quer und zahlt anstandslos. Ein Jahr später wird der neue Treff eröffnet, 2011 gibt es sogar eine Außenstelle des Jugendclubs in der Schule Malliß. „Ich habe in den letzten 25 Jahren über 362 junge Leute betreut. Über viele Jahre pflegten wir auch eine enge Freundschaft zu den Lewitzwerkstätten-Wohnheimen in Malliß und Ludwigslust.“ Als das Gebäude im März 2020 verkauft wird, um künftig ein Steuerbüro darin zu beherbergen, sieht Gerda Kolodziejek ihr berufliches Zielband. „Da ab dieser Zeit wegen Corona vieles nicht mehr sein darf, ist es schwierig, die Jugendarbeit aufrechtzuerhalten.“ Wir waren immer wie eine große Familie, sind durch dick und dünn gegangen, einer hat den anderen aufgefangen, wenn es mal nötig war. Wenn sie an den bevorstehenden Abschied denkt, geschieht das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Wir waren immer wie eine große Familie, sind durch dick und dünn gegangen, einer hat den anderen aufgefangen, wenn es mal nötig war. Nach dem Tod meines Mannes Norbert haben mich die Kinder und Jugendlichen auf recht feinfühlige Art und Weise durch diese schwere Zeit gebracht. Sie haben dafür gesorgt, dass ich nicht verzweifele oder gar aufgebe. Das werde ich ihnen nie vergessen.“ Im Gegenzug hat Gerda Kolodziejek mit dafür gesorgt, dass ihre Sprösslinge eigenständig werden, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Und sei es nur in Form einer Hausordnung, die sie sich selbst auferlegt haben. Um ein Stück Beständigkeit in eine fragile Welt zu bekommen, die mit Drogen, Einbrüchen, Liebeskummer und Gewalt an die Pforte klopft. Wer Gerda Kolodziejek heute über ihre Berufung sprechen hört, dem entgeht auch nicht diese grenzenlose Geduld. Denn wenn sie eines in 45 Arbeitsjahren sicher gelernt hat, dann wohl die unumstößliche Tatsache, dass es in allen Generationen schwierige Kinder gab und gibt. Und sich auch dieser Tage gern dem Verdacht aussetzt, immer diejenigen besonders liebzuhaben, die von niemandem sonst das Lieblingskind sind. ...

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